Schild der actio spes unica
actio spes unica Pfarrer Milch St. Athanasius Bildungswerk Aktuell

Rundbrief vom 19. Juli 1978

Meine lieben Freunde in der spes unica!

 

Ferienzeit!

Die Strände des Mittelmeers füllen sich mit Urlaubern. Schließlich haben es die hart arbeitenden Menschen verdient, sich auszuspannen. Sie kommen aus dem Streß und der Hetze, die das "Tempo unserer Zeit" mit sich bringt. Sie wollen einmal alles vergessen und nur "leben".

Diese Art "Leben" hat einmal Eichendorff auf treffendste Weise genannt "der buhlenden Woge farbklingender Schlund". Aus dieser Woge werden dann viele heimkehren nach einigen Wochen – keineswegs er-holt, gestärkt, tatenfroh, des Sinnes ihres Daseins bewußt, sondern verloren, mürrisch, widerwillig, erschlafft. – "Was tut's?", so werden sie sich trösten gegenseitig, "man wird sich schon wieder an den 'alten Trott' gewöhnen!" Denn – so will man es uns ja einreden – schließlich ist dieser alte Trott doch etwas sehr Beruhigendes, Abgesichertes!

Haben wir's nicht herrlich weit gebracht? Fortschritt ringsum! Über allen Querelen und Streitigkeiten leuchtet die 'Solidarität der Demokraten'. Man ist doch so menschlich, so tolerant geworden. Die Zeiten, da sich die Leute Gedanken gemacht haben über eine ewige, absolute Wahrheit – da sie gar bereit waren, für eine solche Wahrheit ihr Leben zu lassen – diese Zeiten scheinen doch unwiderruflich zu verwehen und zu vergehen. Statt dessen sorgen unsere Gewerkschaften für handfestere Dinge. Jetzt haben wir immerhin "den Sperling in der Hand" und lassen "die Taube auf dem Dach", ohne nach ihr zu haschen. Und außerdem – der Friede ist gesichert. Die Weisheit eines Herrn Brandt hat uns ja mit dem Osten versöhnt. Angesichts papierner Verträge hat das Raubtier Bolschewismus über Nacht seine Zähne verloren. Die westlichen Demokratien wiegen sich in herzlichstem Einvernehmen, und wo es an Einigkeit zu mangeln droht und Interessenkämpfe das Band der Freundschaft zu zerreißen drohen, da stellt eine Konferenz zur rechten Zeit sich ein.

Und ins Gewoge dieses sonnigen Friedens wachsender und fortschreitender Menschlichkeit hat sich nun auch, es scheint, die Kirche eingewiegt – höchst optimistisch und erdenfroh an der Klingel gesellschaftlicher Gerechtigkeit ziehend und den lästigen Ballast des Wahrheitsanspruchs abwerfend: also frohe Ferien, meine Damen und Herren im Lager des Fortschritts und der Modernität.

 

Sie, meine lieben Freunde in der spes unica, werden natürlich den von Bitterkeit nicht freien Spott bemerkt haben, als ich mich eben scheinbar zum Sprecher des schwachsinnigen Fortschrittsoptimismus machte. Und als ich den "Damen und Herren im Lager des Fortschritts und der Modernität frohe Ferien" wünschte, lag darin keine hämische Rachsucht oder Schadenfreude, sondern ins Gewand der Ironie gekleidete schicksalsernste Furcht und Hoffnung! Wir wissen, daß die im Taumel verharmlosender Gegenwartsbeurteilung daherplätschernden Massen – und diese Massen umfassen alle "Bildungs"-Schichten – erwachen werden.

Es gibt zwei Möglichkeiten des Erwachens:

1. Die Katastrophe – das Versinken im menschheitsfeindlichen, menschenmordenden, persönlichkeitsvernichtenden Bolschewismus. Diese Katastrophe als "Läuterung" herbeizuwünschen, ist eine unzulässige, gefährliche, irrige Illusion. Die Katastrophe ist freilich die nach menschlicher Berechnung wahrscheinlichste Möglichkeit.

2. Die Bewahrung vor der Katastrophe. Die Kirche findet zurück zu ihrer Mission – noch rechtzeitig genug, um durch ihren bezwingenden prophetischen Einfluß das öffentliche Bewußtsein völlig zu verwandeln und den lange totgeschwiegenen Inhabern der wahren Maßstäbe wieder Raum und Geltung zu verschaffen. Diese Möglichkeit geht aller irischen Wahrscheinlichkeiten nach nicht in Erfüllung.

Darin aber liegt der Sinn unseres Einsatzes, meine Brüder und Schwestern:

Wir widersprechen aller irdischen Wahrscheinlichkeit!

Weil wir mit einer Hoffnung gegen alle Hoffnung hoffen!

Wir beten für uns und für die daherplätschernden, auf dem Vulkan tanzenden Massen um die Erfüllung der zweiten Möglichkeit – im Zeichen der einzigen Hoffnung, welche besteht im KREUZ und im mütterlich-spiegelnden Bronnen zu Füßen des Kreuzes: MARIA! Und wenn mir einer entgegenhält: "Ja, glaubst Du denn an Wunder?!", dann antworte ich: "Jawohl, ich glaube an Wunder, denn ich glaube an die katholische Kirche!"

 

Und nun wünsche ich Ihnen allen, meine lieben Brüder und Schwestern, in dieser Sommerzeit, Ferienzeit, wahre Erholung.

In allererster Linie denke ich an Sie, die Sie krank sind! Sie alle segne ich allabendlich mit besonderer Inbrunst, und ich sage Ihnen: seien Sie guten Mutes! Christus braucht Ihr Leid und Ihr Kreuz, damit Sie, um es mit den Worten des heiligen Paulus zu sagen, "an Ihrem Leibe ergänzen, was an den Leiden des Christus noch aussteht, für Seinen Leib, die Kirche! Von Ihren Leiden gehen unabsehbare Kraftströme aus! Durch Sie geschieht es doch, wie ich es in wachsendem und ergreifenden Maße erfahren darf, daß junge Menschen, ohne von jemandem äußerlich beeinflußt zu sein, plötzlich und deutlich spüren: "Es stimmt etwas nicht! Verlorene Werte gilt es zurückzuholen!" Ein herrliches Geschlecht der Zukunft, eine wahre Elite wirft ihre ersten Schatten voraus, sehr zum Leidwesen derer freilich, die es sich zum Schaden der Welt und der Menschen angewöhnt haben, mit dem Wort "Zukunft" aufzuprotzen. Sie irren sich! UNSER ist die ZUKUNFT! Ich sage, SIE, meine lieben, von Herzen geliebten Kranken, Leidenden, von Ihrer nächsten Umgebung Ihres katholischen Glaubens wegen Verlachten und Beschimpften, Sie, die Sie um Ihre Lieben besorgt sind – halten Sie Ihr Haupt hoch! Ich versichere Ihnen Ihre Macht und Gnade in Christus, unserem angebeteten Leben! Allen, die Sie viel und hart arbeiten und sich abschinden, die Sie unter Ihrer Einsamkeit stöhnen und manche Nächte durchweinen: ich sage Ihnen allen, daß der Vater Sie birgt und Christus in Ihnen und durch Sie wirkt!

Er-holen Sie sich alle! Holen Sie Kraft! ER ist die Kraft! ER steht für Sie und Ihre Mission, die riesengroß ist, mag sie äußerlich noch so unscheinbar, unauffällig und unbedeutend sich darstellen. Ihnen dienen Seine Engel in gewaltigen Scharen! Wir hören in unserer Stille alle ein wundersames Geläute: die Totenglocke des Verfalls unter der Oberfläche eines falschspielenden Gegenwartsoptimismus und die Triumphglocke, die GLORIOSA, der verheißenen WENDE!!! Alleluja! —

 

Denen, die keine Gelegenheit haben, das Bußsakrament zu empfangen, und ihrer sind nicht wenige, wiederhole ich, worauf ich gerade in Soest hinwies:

Wenn Sie sich täglich dem Herrn schenken, so ist Er ununterbrochen in Ihnen und an Ihnen sündentilgend und ablaßspendend wirksam. Sollten Sie Furcht haben, eine Todsünde begangen zu haben – aber seien Sie getrost, es gehört zum Wesen der schweren Sünde, daß man absolut sicher weiß: ich habe eine Todsünde begangen! Wer fragt: War das jetzt eine Todsünde?", der darf mit vollkommener Gewißheit zur Kenntnis nehmen: es war keine! – sollten sie also die Furcht oder Gewißheit einer schweren Sünde haben, so erwecken Sie die vollkommene Reue!

Reue ist eine Entscheidung des Willens. Man braucht nichts zu fühlen! Die Entscheidung besteht in der Ablehnung der begangenen Sünden, im tief-ernst gemeinten Nein-Sagen zu den Sünden.

Liebe zu Gott muß der Beweggrund wirksamer und gültiger Reue sein über die Sünden. Auch die Liebe zu Gott braucht nicht gefühlt zu werden. Auch sie ist eine Entscheidung des Willens: Ich sage ja zu Gott und zu seinem Angebot in Christus.

Vollkommene Reue ist Ablehnung der begangenen Sünden aus dem Beweggrund der vollkommenen Gottesliebe heraus. Die vollkommene Gottesliebe ist die Entscheidung des Willens, sich zu vereinen mit den Zielen des Gottmenschen: der Verherrlichung des Vaters und dem Heil der Menschen!

Wer daher im Ernst betet: "Mein Jesus! Ich will, was Du willst: daß Dein himmlischer Vater verherrlicht werde und daß alle Menschen das göttliche Leben haben! Darum lehne ich alle meine Sünden ab! Amen!", der weiß schon vor der Beichte – unter der Voraussetzung, daß er bei nächster Gelegenheit beichten will - daß er wieder im Stande der Gnade und mit GOTT versöhnt ist. Falls er keine Gelegenheit zur Beichte hat, kann er sich auf diese Weise absolut der Gnade versichern und der Vergebung aller Sünden, auch, wie gesagt, der Todsünden.

Die unvollkommene Reue ist die Ablehnung der begangenen Sünden aus dem Beweggrund der vollkommenen Gottesliebe, die da Christus als Freund behalten und nicht verlieren will.

Die vollkommene Gottesliebe sagt: Ich will Gott um Seinetwillen! – Die unvollkommene Gottesliebe sagt: Ich will Gott um meinetwillen!

Beide Weisen der Gottesliebe sind gut und notwendig; die unvollkommene ist gut, die vollkommene ist besser.

 

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Beten wir füreinander!

Bis zum 25. August 1978 werde ich in Urlaub sein. Mein Arzt ist gar nicht so zufrieden mit mir. Pumpe und Kreislauf sind durch Erschöpfung ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Ich schreibe Ihnen das nur, damit Sie mich verstehen, wenn ich auf strengsten ärztlichen Befehl mich während meines ganzen Urlaubs konsequent zurückziehe und absolute Ruhe halte. Auch der Empfang von Besuch ist mir verboten.

Um so frischer und entschlossener werde ich nach dem Urlaub wieder zur Stelle sein!

 

Mit den innigsten Segenswünschen bin ich Ihr in Christus und Maria verbundener, dankbarer

 

Hans Milch, Pfarrer

Schlüsselbegriffe ?
   
Hoffnung
   
Reue
   
Buße
   
Beichte
   
Sünde
   
Lebendiges Wasser
   
Demokratie
   
Progressismus
   
Friede
   
Katastrophe
   
Leiden
   
Wahrheit
|< Übersicht: Rundbriefe
Weiter: Rundbrief vom 9. August 1978 >

Hilfe  •  Suche  •  Was ist neu?  •  Sitemap  •  Impressum  •  Tastatur  •  Konfiguration  •  Webmaster