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actio spes unica Pfarrer Milch St. Athanasius Bildungswerk Aktuell

Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch

Christmette 1980

Meine lieben, zur Feier der heiligen Nacht versammelten gläubigen Brüder und Schwestern,

 

wenn ein Mensch zur Welt kommt, so ist das etwas sehr Konkretes, Sicheres, Wahrnehmbares, ja Gewohntes, erregend bis zum Äußersten, freudebringend. Wir wissen, dieser Mensch ist da; ein neuer Mensch, ein noch nie dagewesener, einmaliger, unwiederholbarer, unersetzbarer Mensch ist jetzt da. Noch vor einem Jahr gab es ihn nicht. Jetzt ist er erschienen. Ein Geheimnis, ein unauslotbares Geheimnis. Wir sehen sein Angesicht. Und dieses Angesicht wird immer deutlicher, einmaliger, sicherer, bestimmbarer, identifizierbarer. Und dennoch bleibt dieser einmalig identifizierbare, bestimmbare Mensch ein Geheimnis. Vielleicht, daß es einem Liebenden gelingt im Laufe der Begegnung langer Jahrzehnte nach und nach in ihm ruhende, unerschlossene Werte deutlich zu sehen und zu ergründen. Aber wir wissen, daß jeder Mensch ein ins Unendliche hineinweisendes Mysterium ist. Dennoch wissen wir: Er ist es! Und der Liebende, der seiner ansichtig wird[, erspürt] und sein innerstes Wesen, den Gottesgedanken, der von den Fehlern und dem Schutt und dem Unkrautsamen überwuchert und verdeckt ist erspürt – das ist ja das große Erlebnis der Liebenden, die einander erstmalig entdecken, daß sie den Lichtgrund ahnen, das eigentlich ursprünglich Gottgedachte, Gottgewollte und daß sie nachher sehr oft wähnen, daß das, was der Alltag zur Schau bringt, die Fehler, das Mißliche, das Entstellende sei das eigentliche Wesen; und sie sind geneigt, den Menschen, den gottgedachten, mit seinem Charakter zu verwechseln. Wenn aber der Liebende sein liebendes, glaubendes Bewußtsein bewahrt, dann wird er von Bestätigung zu Bestätigung das je Erschaute immer sicherer, immer klarer, immer fester wissen und erkennen.

Ich sage, es ist etwas sehr Konkretes und doch etwas sehr Geheimnisvolles, etwas Unfaßbares und doch Faßliches, das Erscheinen eines Menschen. Daß er da ist, daß wir ihn sehen, berühren, sein Lächeln erfahren dürfen, das ist die Garantie: Er ist es, ein neuer, von Ewigkeit her gedachter, gewollter, geliebter Mensch. Aber nun, meine lieben Brüder und Schwestern, wird es in beklemmender Aktualität unentrinnbar konkret. Der Engel erscheint vor den Hirten und sagt: "Ich verkünde euch die große Freude. Denn euch ist heute geboren der Erlöser, der Christus!" Und jetzt kommt es: "Und dies wird euch die Garantie sein: Ihr werdet in einer ungewöhnlichen Weise einen neugeborenen Menschen sehen, in einer Futterkrippe, in einem Stalle liegend. Aber wenn ihr Ihn so seht, dann wißt ihr: Er ist es! Er, ganz bestimmt, der Greifbare, Sichtbare, Unentrinnbare, Endgültige, von den Jahrtausenden Ersehnte ist da. Und euch wird es gesagt."

Gott ist Mensch geworden. Es ist die "gaudium magnum", aber für die Welt gerade das, was sie unter keinen Umständen will. Die Welt haßt dieses Ereignis! So wollen es die Menschen gemeinhin gerade nicht! Sie haben nichts gegen eine romantische Weihnacht, gegen eine anheimelnde Stimmung. Sie haben nichts dagegen, daß mit diesem Kind in der Krippe in einer Atmosphäre der Armut etwas Trauliches, etwas Ergreifendes, atmosphärisch Intensives gegeben ist als Symbol der Menschlichkeit, als ein Symbol uralten Menschheitstraumes vom ewigen Frieden, als eine Garantie, die mit dem, was der Engel als "Zeichen" bezeichnet hat, ganz und gar nicht gemeint ist. Die Garantie des Engels heißt: "Euch – Dir! – ist heute der Eine, der Heiland erschienen – für Dich!" Die Welt aber will eine andere Garantie, ein anderes Zeichen, nämlich ihre eigene Häuslichkeit, Annehmlichkeit, einen ewigen Frieden. Und sie sagen: "Ich träume davon und frage mich: Warum nicht? Vielleicht ist diese Legende, dieses Mysterium, dieses Zeichen eines unauslöschlichen Traumes vom Fortschritt der Menschen genau das, was uns hoffen läßt, daß es doch weitergeht, daß wir es gemeinsam doch schaffen, alle Brüder zu werden, alle einander besser zu verstehen, mit allem Streit und mit allem Krieg aufzuhören und daß keiner als Störenfried sich doch erweise und keiner aufkomme mit dem, was man die Behauptung der 'endgültigen Wahrheit' nennt. Denn wir können uns," so sagen die Apostel der Welt im Zeichen des Satansrates, "wir können uns ja doch nur finden in dem Noch-Nicht, in der Suche, indem wir einander einhaken, indem einer des anderen Überzeugung als eine mögliche Station im Noch-Nicht des gemeinsamen Pilgerweges versteht." Keiner sagt: "Ich habe die Wahrheit." Jeder gesteht, ein wenig von dieser Wahrheit vielleicht schon zu ahnen. Ahnende tauschen ihre Ahnungen aus. Und das ist alles so unverbindlich, so in der Schwebe. Der Einzelne wird dadurch nicht festgebunden, nicht endgültig angesprochen! Der Einzelne wird dann losgelassen. Aber die Weihnachtsbotschaft, meine lieben Brüder und Schwestern, läßt Dich, gerade Dich nicht los und läßt auch nicht von Dir und läßt Dich nicht Dir selber entweichen! Du bist durch diese Botschaft an Dich selber gebunden und bist zu Deinem ICH BIN beglückend, erlösend aufgerufen und instandgesetzt!

Nun, da das ewige DU nicht ahnend irgendwo in schwebender, nebliger Höhe sich verschwiemelt, sondern wo das ewige DU greifbar, körperlich, sichtbar, hörbar, in klaren Formulierungen, in deutlichen Sätzen sich darstellt und Dich meint – nicht die anderen, nicht "uns", nicht "euch", sondern Dich, ganz Dich; und Du bekommst nichts davon ab, sondern das Ganze gehört Dir und fragt Dich und stellt Dich vor die Entscheidung: JA oder NEIN! "Was wir mit den Ohren gehört, mit den Augen gesehen, mit den Händen betastet haben, das verkünden wir euch vom Worte des Lebens: Das Leben ist erschienen!"

Und jetzt hört das Suchen auf. Das Endgültige ist da. Wir wissen es jetzt. Und allen, die uns höhnisch entgegenhalten: "Bildest Du Dir denn ein, die Wahrheit mit Löffeln gegessen zu haben", denen antworten wir: "Mit Löffeln nicht gegessen, aber gehört und gesehen, Gott sei Dank, zu unserem Heile; denn sonst wäre ich nicht erlöst!" Das Suchen hört auf. Es gibt kein gemeinsames Suchen mehr nach der Wahrheit. Das verbitten wir uns von der hohen Warte unseres Glückes aus. Wir haben die Wahrheit nicht zu suchen, sondern zu verkünden! Wir haben keinen Beitrag zu leisten zu irgendeinem "übergeordneten Ziel" der Menschheitsgemeinschaft oder des Menschheitsfortschrittes, sondern den einzig denkbaren und absolut sicheren Ausschlag zu geben! Und so ist das eine Botschaft, die trennt, die eine Front aufreißt, wie Simeon sagt: "Dieser ist gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel und zum Zeichen, dem man widersprechen wird." Und an Ihm entscheidet sich der Gute, der sich freut über die gewonnene Sicherheit, der gesucht hat, um zu finden, der gefunden hat und am Gefundenen festhält, der sich durch kein Fragezeichen und durch kein "Vielleicht", das ihm der Satan einraunt im trügerischen Etikett der Demut und der Bescheidenheit, irremachen läßt. Er weiß es! Es gibt für uns seit diesem nächtlichen Ereignis kein Fragezeichen mehr, sondern nur das unentrinnbare Ausrufungszeichen, und zwar das letzte! Danach kommt kein größeres, kein deutlicheres, kein erfüllenderes mehr. Das ist jetzt die Erlösung! Im liebenden Umgang mit diesem Endgültigen erfahren wir, wie es zwischen liebenden Menschen geschieht, dann von Jahrhundert zu Jahrhundert unter dem Einfluß des Heiligen Geistes immer deutlichere Bestätigung, keine Ablösungen, keine Modernitäten, keine Zeitgebundenheiten – von den Zeitgebundenheiten sind wir, Gott sei Dank, befreit! – sondern immer neue Bestätigungen des je Erkannten im je gehabten Sinne. Und so wissen wir einmalig, und wir wissen es für alle Zeiten: Da in der Krippe, mit dem Liebreiz des Kindes, anfaßbar, sichtbar, vernehmbar, zum Kosen innig, süß sich darbietend, ist Gott Selber! Er ist es Selber! Nicht nur etwa ein Zeichen Gottes oder ein Gott besonders nahestehender Mensch oder ein Prophet oder ein Weiser – deren hatten und haben wir genug – sondern Gott, Jahwe, der Seiende wird Kind! Und Er wird einmal am Galgen hängen. Denn die Seele der ewigen Jungfrau wird vom Schwerte durchbohrt werden.

Gott. Und daß Er in einer Person Gott und Mensch ist, das sollte einer vergangenen Denkkategorie angehören, griechischer Philosophie anhaften, überholbar sein in seiner Ausdrucksweise? – Kindlein, der Antichrist sagt solches, der euch der festen Sicherheit berauben und in die Ungewißheit, in die Beliebigkeit, in eure innerweltliche Beliebigkeit wieder freilassen will! Aber durch diese Botschaft sind wir aus unserer innerweltlichen Beliebigkeit herausgerissen ins JA oder NEIN, ins ENTWEDER – ODER. Als im "Antichrist" von Solowjew der große Weltbeglücker kommt mit ausgebreiteten Armen: "Seid umschlungen Millionen. Wir alle sind ja auf der Suche. Wir alle wollen ja das Menschliche. Wir alle haben ja ein gemeinsames Fundament und ein gemeinsames Anliegen im Humanen." Und dieser Hochgepriesene, der sich sogar auf den Thron des Petrus setzt, schreibt ein dickes Buch, in dem alle Religionen auf einen Nenner gebracht werden. Das Volk jubelt ihm zu: "Er ist es, jawohl! Die Unterschiede hören auf. Eine große Menschheitseinheit kündigt sich an. Spürt ihr nicht die Brüderlichkeit, die uns alle beseelt?" Und dann läßt Solowjew den Pater Johannes aufstehen, mit dem Finger deuten und schreien: "Kindlein, der Antichrist!"

Alle, die solches verheißen, die die Weihnachtsworte des Engels falsch übersetzen – "Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" – stammen vom Vater der Lüge! Frieden auf Erden den Menschen des göttlichen Wohlgefallens und die guten Willens sind, nur denen. Und im Grunde gibt es für uns nicht "die Menschen", sondern nur den Menschen, Dich! Du bist geweckt durch die endgültige Botschaft, durch die endgültige, greifbare, in die Welt hineingerammte, eine Wahrheit! Und jetzt aufgerufen, angesprochen, vor die Wahl gestellt vom Ewigen DU kannst Du, mußt Du, darfst Du sagen: "Ich bin." Und kein WIR, kein Kollektiv, keine Solidarität kann und darf dieses "Ich bin" noch einmal verwischen und in Frage stellen. Jede echte Gemeinschaft, die diesem Weckruf und dieser Erlösung des einzelnen folgt, ist eine Gemeinschaft in der Senkrechten. Die Waagerechte ist überwunden! Aber noch zappelt sie in ihrem Todeskampfe, äußerlich übermächtig. Es ist der Haß der Waagerechten gegen die absolute Wahrheitsbehauptung. Der Engel hat sie soeben verkündet. Wir sind, Du bist im Besitz der einmaligen, endgültigen, unveränderlichen, Raum und Zeit entbundenen, in Raum und Zeit hineinstrahlenden, einen, klaren, klar artikulierbaren, fleischlichen Wahrheit! AMEN.

Schlüsselbegriffe ?
   
Ja oder nein
   
Friede
   
Für dich
   
Progressismus
   
Antichrist
   
Pilgerschaft
   
Menschwerdung
   
Haß
   
Alltag
   
Charakter
   
Erlösung
   
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