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actio spes unica Pfarrer Milch St. Athanasius Bildungswerk Aktuell

Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch

Christmette 1982

Meine lieben Brüder und Schwestern,

 

warum feiern wir Weihnachten? Es gab und gibt auch heute solche, die meinen, ursprünglich und eigentlich sei doch das Osterfest das Fest der Feste, geradezu beherrschend und bestimmend in jeden Sonntag hinein. So war es in der Tat am Anfang. Und dann dämmerte in der Kirche unter dem Einfluß des Heiligen Geistes die Erkenntnis auf, daß Weihnachten zu feiern sei. Weihnachten und Ostern. Wir kennen die Worte des Herrn, die göttlichen Worte, von denen jeder, in dem der Geist lebendig ist, weiß, daß kein Mensch sie je hätte von sich aus ersinnen, erfinden können. Es sind göttliche Worte. Wir ahnen Seinen göttlichen Blick und schauen im Geiste. Wir erfahren Seine Opfertat und Seinen Sieg über Tod und Sünde. Aber warum feiern wir Seine Geburt, da Er nichts sagt und da Er nichts tut, da Er nur da ist? Eben dies ist es. Allem wirken und Tun liegt das Sein voraus und wir feiern das Geheimnis Seines gottmenschlichen Seins. Denn das Kind, das kleine Kind, ist. Es ist das reine Sein. Und gehen wir mal über zur Betrachtung des Üblichen, wie es denn sonst ist unter den Menschen und bei denen, die ihre ersten Monate, aus dem Mutterschoße erwacht, erleben. Sie sind, sind in der Tat das zurückgebliebene Paradies, der Rest des Ursprünglichen. Das Kind lächelt und hat einen unsagbaren Liebreiz. Gewiß ist es den Gesetzen und den Notwendigkeiten des Animalischen unterlegen. Es hat Hunger und Durst. Es hat Angst und schreit und lacht und weint. Aber etwas Unaussprechliches ist in dem Gesicht eines kleinen Kindes. Es ist nicht zu sagen, es ist eben genau dies, was in nächtiger Weise tief drunten, wo die Geheimnisse rauschen, entstanden ist. Es ist der Urgedanke Gottes; denn Gott denkt Dich und will Dich. Und Er denkt Dein wahres Sein, das allem Charakter, allen Umwelteinflüssen, allen Taten und Erfahrungen und Bewährungen, allem Wahrnehmbaren vorgeordnet ist. – Der Gedanke Gottes. – Und wir erfahren Ihn, den Urgedanken beim Anblick eines kleinen Kindes. Etwas unbegreiflich Schönes, zum Kosen reizend, unbefangen, zutraulich, arglos, zärtlich, zart, unbeholfen. Aber es ist. Aus ihm leuchtet der Gedanke des Anfangs. Der Ursprung. Noch nicht überdeckt von all dem anderen, von den Trübnissen und Tücken und von der Lüge des Tages.

Weihnachten ist des Fest der Nachtweihe, in der Tat. Wir preisen die Nacht, denn die Nacht ist stärker als der Tag. In der Nacht, da sprechen die ursprünglichen Geheimnisse, die Brunnen rauschen auf, und die tiefe Nähe zieht ein. In der Nacht allein leuchtet das wahre Licht. Im nächtigen Schoße der Erde wächst das Korn still und unbeachtet, aber mächtig und schicksalhaft. Und in dem nächtigen Schoße der Mutter wächst das Kind und ist das Kind, der ganze Mensch: Geist und Leib. Und übertragen wir es nun auf dieses einmalige Kind, da Gott Kind wird. Gott und Mensch ist Er. Das ist unser Glaube.

Ehe Er ein Wort sagt, ehe Er denn ein Wunder wirkt und ehe Er die Tat Seines Opfers vollzieht, ist unsere Erlösung garantiert durch Sein Sein: weil Er der Gottmensch ist. Vorgängig zu allem. Und darum beten wir Ihn an als Kind. Wer nur Taten, Wahrnehmbares, Konkretes, Faßbares, Sichtbares, Akutes erfahren will, der weiß noch nichts vom Geiste. Denn der Geist will das Sein erschauen. Und er erschaut es im Kinde. Im Schöpfungsursprung: rein, zart, voller Adel. Und dies ist nun der Gottmensch, der uns, der dir und mir entgegenleuchtet, zutraulich, kosend, zärtlich, zart, unbeholfen, dem Menschen sich ausliefernd, unbefangen, arglos, so daß Du vor Ihm stehst, dem seienden Gott, der sich vorstellt im brennenden Dornbusch: ICH BIN DER ICH BIN, Ich bin der Seiende, der sich so Dir preisgibt und sich in die Hände der Menschen begibt, der wissenden, mütterlichen Jungfrau, dem ahnungsvollen Josef.

Und beide begeben sich, da sie gebären sollte, wiederum ins Innere der Erde. Ein sinnloser Streit herrscht unterschwellig durch die Jahrhunderte hin, ob es ein Stall gewesen oder eine Höhle. Es war sicher beides. Es war üblich, in Hügel Höhlen einzugraben, um dort zu wohnen oder das Vieh unterzubringen. Der Stall war eine Höhle. Im Inneren der Erde wiederum. Im nächtigen Schoß der Erde ward Er verborgen. Dort ereignet sich unsere ganze Erlösung. Und alles Zukünftige ist notwendig keimhaft darin schon gegeben. Notwendig weist dieses Kind auf Seine Zukunft, wenn Er einst hervortritt, wenn Er aus der Tiefe kommend die Oberfläche heimholen will, indem er die Oberfläche betritt, um sie wieder mit der Tiefe zu verbinden. Gott gräbt einen Stollen von der Tiefe des Seins aus in die Oberfläche, um selber dorthin zu gelangen und uns wiederum den Zutritt zur Tiefe zu gewähren. Er wird Mensch.

Göttlich werden, das feiern wir, das begehen wir in äußerster Erregung; denn so zutraulich, zärtlich wir einem Kinde begegnen, wir müssen immer weinen, eigentlich, wenn wir ein Kind sehen. Jedenfalls sind wir beschämt im Angesicht des Kindes, eines Kleinkindes. Es ist groß, und der Herr hat uns den Weg zurück eröffnet durch Sein Wort, durch Seine Taten, durch sein Blut. Und das meint Er im Tiefsten mit dem, was Er sagt: wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt Ihr nicht eingehen in das Reich, der Himmel. Wenn Ihr nicht zurückkehrt zum Ursprung, zur Lichttiefe, die allem Tun und Bewähren, Charakter und Vererbung, Umwelt und Erziehung und allem Zufälligen und Flüchtigen vorgeordnet ist, wenn Ihr da nicht mit mir Einkehr haltet, dann seid Ihr nicht gerettet und findet nicht Euer eigenes Selbst. Denn nur, wer in den Schoß der Mutter zurückkehrt, um wiedergeboren zu werden im Wasser und im Geiste, der wird, der er ist. Wer aber an der Oberfläche bleibt und nichts weiß als das, was er ringsum sieht und wahrnimmt bzw. was er selber tut, was geschieht, was anzufassen ist, wer nur davon weiß und nur diese Waagrechte kennt mit ihren Dimensionen, der weiß nichts von sich selbst und ist verloren. Und es geht alles ins Sinnlose hinab, ins Nichts; denn die von der Tiefe gelöste Oberfläche, der tückische, fahle Tag ist das Nichts. Und es ist bezeichnend für dieses 20. Jahrhundert, daß es das Jahrhundert der höchstvollendeten Oberfläche ist. Das Nichts in allen seinen Varianten ist mit äußerster Verstandesschärfe perfektioniert, und man heißt es Fortschritt im dumpfen Wahne. Gegenüber diesem Wahn, der Waagrechten, der Oberfläche, dem Tageswahn wird uns entgegengehalten: das Kind aus der Tiefe, das Kind aus der Heiligen Nacht. Dort, wo das Schweigen herrscht. Wo stumm die große Gegenrevolution anhebt. Denn von dieser Höhle aus ist heilige Verschwörung ausgegangen. Als das Kind da geboren wurde, in der Tiefe der Erde, da tummelten sich im Weltreich Rom die Ereignisse und Wichtigkeiten. Und im Zentrum des Erdkreises, im Scheinbaren, da wurden die scheinbar schicksalhaften Dekrete erlassen urbi et orbi, der Stadt und dem Erdkreis. Der Senat gab seine Zustimmungen oder Ablehnungen, letztentscheidend war der Imperator, der Erhabene, Augustus, der Cäsar. Boten schwirrten durch die Lande, Legionen stampften die Erde auf. Im Krieg und lauten Ereignissen wähnte man das Schicksal der Welt. Draußen am Rande, im scheinbar unterentwickelten Lande, in unbeachteten Zonen, außerhalb eines kleinen Nestes, Bethlehem, in einem Hügel, an den niemand dachte, dort geschah die heilige Verschwörung. Und von dort aus konnte dann dies beginnen, was wir Erlösung nennen.

Was ist denn die Erlösung? Schauen Sie sich alle großen Ereignisse der Weltgeschichte an. Ich will sie nicht verkleinern. Tapferkeit und Mut, große Werke des Geistes und der Hände, es ist schon erregend zu schauen, was sich durch die Jahrtausende hin begab, Aufstieg und Niedersturz von Völkern und Reichen. Aber alles, was geschah an Großem, woran die Genies beteiligt waren, dachten sie an Dich? Scherten sie sich um Dich? Um das, was Du bist? Und Deine Einmaligkeit? Waren sie um Deinetwillen um Dich erfüllt? Durchdrungen von Deinem Glück? Waren sie für Deine eigentlich schicksalhafte einzige Entscheidung entbrannt? Sie lebten ahnungslos außerhalb Deiner. In der Zeit und im Raum, das heißt dem Flüchtigen und im Nichts. Sie vergingen, sie kamen und verwehten wie der Wind. Aber hier, da geschieht es zum ersten Mal, daß da Einer ist, ersteht aus der Tiefe, wegen Dir, über alle Jahrtausende hin, über alle Räume hin, ganz ungeteilt entbrannt für Dich.

Die Krippe, das Kind, Maria: für Dich. Alle Heiligen: für Dich. Die Engel: für Dich. Die eingeweihten Hirten: für Dich. Ja für Dich, ganz allein für Dich. Es war die Revolution des Menschen, nicht der Menschheit, der Millionen, des Wir, diese trübselige, hoffnungslose Kollektivität. Die gab es immer. Aber nun auf einmal ist der Einzelne erweckt, entdeckt, geliebt, gewollt vom Einbruch des unendlich liebenden Gottes. Das ist die Verschwörung. Um Deinetwillen. Auf einmal rückst Du in den Mittelpunkt der Geschichte. Gott wird geschichtlich. Er kommt aus der Tiefe, um die Oberfläche zu betreten und um alle Zeiten und Räume in sich hineinzunehmen, damit sie Dir gehören. Und jetzt auf einmal gehört alle Welt Dir, kreisen alle Planeten, wirbeln alle Atome für Dich. Halm und Gras und Strauch und Strom und Meer und Berg und Hügel und Tier und Pflanze und alle Sonnen und der ganze Weltraum gehören ganz Dir. Alle Heerscharen der Engel gehören ganz Dir. Du bist die Mitte, um Dich geht es. Entblößten Hauptes bist Du im Himmel, in Deiner nächtigen Tiefe. In Dein eigentliches Sein, um Ihm den Zugang zu Deinem Dasein und zu Deinem Bewußtsein und zu Deiner Bewährung zu machen und um das Wunder der Heiligwerdung zu erreichen. Das Wandelnde, das Wandlungswunder, das Dich verwandeln kann, loslösen, erlösen von allen Zufälligkeiten der Umgebung. Zufälligkeiten von Menschenkontakt und Menschenwort, Menschenhilfe. Unabhängig wirst Du von allem. Ganz frei, in Gottesmacht stehst Du da und wirst geliebt und brauchst von Niemandem mehr geliebt zu werden. Selber aber frei, deswegen imstande zu liehen. Das ist die Botschaft der Heiligen Nacht. AMEN.

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