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Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch

Gründonnerstag 1983

Meine lieben Brüder und Schwestern,

 

viel, unendlich viel wäre zu sagen von dieser weihevollen Stunde. Der Herr erhebt Sich. Und plötzlich steht Er vor Petrus und will ihm die Füße waschen. Petrus redet zuviel. Er redet öfters zuviel. Er fängt einen Disput an mit Jesus, was unangebracht ist. "Laß es doch geschehen, sonst hast Du keinen Anteil an Mir." Schließlich fügt sich Petrus schweigend. Und es geschieht schweigend, daß der Herr einem jeden einzelnen die Füße wäscht. Und dann erklärt Er es ihnen und sagt: "Ich bin euer Meister."

Und übrigens: Da die zum Priester Geweihten zum Christus geweiht werden, haben sie, sofern sie Priester sind, mit Hinblick auf ihre Weihe das Recht, sich Herr und Meister und Lehrer zu nennen – nur nicht die Nichtgeweihten, die untereinander Brüder und Schwestern sind. Aber auch der Priester ist mit Hinblick auf seine Taufe zunächst einmal Laie und als solcher, sofern es seine eigene geschaffene und erlöste Person anbetrifft, Bruder aller. Mit Hinblick aber auf seine Weihe, da er die Fähigkeit hat, als Christus zu wirken, ist er Herr und Meister und Lehrer und darf so angeredet werden. Und darum ist es der Priester, der die Füße zu waschen pflegt bei gewissen feierlichen Vollzügen der Gründonnerstagsliturgie.

Ich sage, der Herr steht plötzlich vor Simon und vor jedem einzelnen Jünger und vollzieht einen Dienst. "Denn Ich bin gekommen, Mich nicht bedienen zu lassen, sondern zu dienen." Und wenn an anderer Stelle gesagt wird, daß die Kirche Christus untertan sei, dann ist das im selben Sinne zu verstehen wie umgekehrt. Lieben heißt dienen, Geliebtwerden heißt herrschen. Sofern Christus von uns geliebt wird, herrscht Er; sofern Er liebt, dient Er! So ist wieder die Frau emporgehoben zur Höhe des Mannes. Und es ist zwischen Mann und Frau ein gegenseitiges Untertansein in der Liebe, im Zeichen der vollkommenen, uneingeschränkten Ebenbürtigkeit. So ist auch jene Stelle im Epheserbrief zu verstehen. Das Wort "Er soll dein Herr sein" ist durch Christus und Seine Erlösung für die Erlösten ungültig geworden und ausradiert! Darum dient der Herr Seiner Kirche, also Seiner Braut, wie die Kirche dem Herrn dient: nicht im Zeichen von Überordnung und Unterordnung rechtlichen Sinnes, sondern im Zeichen der Liebe!

Aber warum komme ich gerade auf dieses Beispiel von Braut und Bräutigam? Sehen Sie, im Alten Bunde, im Zeichen der Unerlöstheit, der Verbannung, ja der relativen Verdammung steht das Wort, das verbannende und verdammende, ins Elend stoßende Wort "Er soll dein Herr sein". Gott ist Herr, Herrscher über die Menschen. Blindlings nehmen sie Seinen Willen entgegen und gehorchen dem, was Er sagt, weil Er es sagt, ohne WARUM. Sie haben noch kein Recht, eingeweiht zu werden in das WARUM Gottes. Sie haben untertan zu sein und zu gehorchen. Ebenso wie nun die Menschheit unter Gott gerät und die Urehe durch die Verweigerung der Stammeltern aufgehoben ist, so gerät die Frau unter den Mann. Im Grunde ist unabhängig von Christus, vor Christus keine wahre Ehe. Die Frau ist Werkzeug und Magd des Mannes. Und da es der Werkzeuge und Mägde viele geben kann, duldet Gott sinngemäß im Alten Bunde die Vielehe – ein Mann, viele Frauen –, da die Frau dem Manne untertan ist und keine ebenbürtige Partnerin. Eine ebenbürtige Partnerin kann es nur eine geben! Und darum gilt seit Christus sinnvoller Weise nunmehr die Einehe, da Christus die Frau wieder zu ihrer Höhe und Würde und vollkommenen Ebenbürtigkeit erhoben hat – als Frau! Mit Gleichberechtigung hat das rundherum nicht im Ansatz etwas zu tun. Die Gleichberechtigung ist ein Gedankengespinst aus einer dem Menschengeiste unwürdigen Bewußtseinslage, einer Bewußtseinslage, die den heute verrotteten Geist unserer Gesellschaft beherrscht. Darüber laßt uns nicht weiter sprechen.

Nun da die Menschheit Gott untertan ist, ist die Menschheit ein Kollektiv. Die Menschheit gehorcht. Gehorchende stehen immer in Reih und Glied. Gehorchende treten an. Gehorchende werden zusammengerufen. Bis in alle Einzelheiten wird ihnen vorgeschrieben, was sie zu tun und was sie zu lassen haben: wie sie aufstehen, wie sie sich waschen, wann sie sich waschen, was sie essen, was sie nicht essen usw., usw. In diesem Zusammenhang ist auch das Mahl zu sehen in jener Pascha-Nacht. Da haben die Israeliten anzutreten. Und sie treten an. Im Kollektiv essen sie das Osterlamm. Und da ist genau vorgeschrieben, wie sie es essen sollen: kein Bein soll an ihm zerbrochen werden und kein Blutstropfen soll drinbleiben; und sie sollen es rasch essen, stehend, gegürtet, mit Hut und Stab, aufbruchsbereit. So behandelt man ein Kollektiv, eine Kompanie, ein Regiment, eine Herde. Und die Menschheit ist Herde aufgrund jener Verbannung und Verdammung. Und darum ist es auch "Mahl", etwas – und das muß in Anführungszeichen gesetzt werden – "Gemeinschaftliches". Im Grunde ist es etwas Gesellschaftliches, Geselliges, Kollektives.

Und sehen Sie, an jenem Donnerstag vor Seinem Leiden ist das letzte Abendmahl. Das sagen wir mit vollem Recht. Da hört das Mahl auf, dieses kollektive, gemeinsame Tun! Christus vollzieht es noch das allerletztemal mit den Seinen. Zum letztenmal Schatten, zum letztenmal Vorbild, zum letztenmal Advent und Hinweis – und dann kommt das Eigentliche! "Nach dem Mahle" heißt es ausdrücklich, wo kein Mahl mehr ist. Und da erhebt Er Sich, und es ist ganz erregend. Es ereignet Sich Tabor. Er steht da, und den Jüngern ist es, sie wissen nicht wie. Es durchschauert einen jeden einzelnen das unbegreifliche, das "numinosum", das schauererregende Geheimnis, das "mysterium tremendum". Der Herr erhebt Sich! Und sie schauen Ihn anders als sonst, wissender als sonst, obwohl sie nicht ausdrücken können, was da geschieht. Und dann bietet der Herr Sich zur Speise an. Jetzt ereignet sich ein Essen und es ereignet sich ein Trinken – aber kein Mahl! "Nehmet hin und esset, nehmet hin und trinket." Aber jedem einzelnen gibt Er Sich in der Gestalt des Brotes und in der Gestalt des Weines ganz. Und es ist kein Wein, und es ist kein Brot mehr. "Das ist Mein Leib, das ist Mein Blut" – Er jeweils ganz! Er bietet Sich an. Und Sich anbieten kann man nur dem freien Willen. Und der freie Wille ist nur des Einzelnen! Es ist die Stunde, in der der Einzelne geweckt wird. Das Kollektiv hört auf, das Mahl hört auf. Das Essen und Trinken von DU-zu-DU, DU-in-DU, ICH-in-DU, das beginnt!

Das ist das, was uns erregt. Zweifellos dann, in den höheren Kreisen und Sphären, wenn die Einzelnen sich treffen, ereignet sich Gemeinschaft – erst dann! Und dann gibt es einmal das Abendmahl des ewigen Lebens, die All-Einheit: jeder in jedem, alle in einem, einer in allen. Das ist das Folgeereignis der Erweckung des Einzelnen. Das Kollektiv ist zu Ende, das angeblich "Gemeinschaftliche" verweht und vergeht. Der Einzelne ist geweckt. Die Herde hört auf. Und gerade darum beginnt die wahre Gemeinschaft. Weil der Einzelne alles ist, entsteht von All zu All, All in All das, was erst wahrlich den Namen "Gemeinschaft" verdient: etwas, was geboren wird, was von selbst organisch entsteht, was nie gemacht, nie arrangiert, nie geformt, nie geleitet, nie gegründet werden kann, weder moderiert noch temperiert noch inauguriert – sondern es wird! Gemeinschaft steht immer im Zeichen des DU-zu-DU, des geweckten ICH, des entflammten Blutes, des entflammten Geistes. Das ist die Botschaft jenes Abends. Die Nacht beginnt, und der Morgen wird strahlend erblühen und erglühen.

Man könnte fragen: Ja aber es heißt doch, daß man in der Kirche der Hierarchie folgen soll, dem Worte des Papstes; wenn der Papstes seines Amtes nicht waltet, einem Zuständigen, der nachweislich Hüter des Erbes ist. (Ich denke da an Erzbischof Lefebvre.) Ist das nicht auch, wenn es heißt, "Ihm soll man folgen, um nicht fehlzugehen", ist das nicht auch ein Aufruf zum Kollektiv, zum Gleichschritt? Dämpft bzw. unterdrückt das nicht die Freiheit des Einzelnen, das Denken, den freien Willen und die Entscheidung?

Keineswegs, im Gegenteil! Denn hier geht es nicht um ein Reglement, hier geht es nicht um Herde, sondern hier geht es um die Ausrichtung von DU-zu-DU, hier geht es um die Hinordnung des Einzelnen zur vorgegebenen gültigen Autorität, die den Einzelnen erst werden läßt, was er ist!

Wo ist die vorgegebene Autorität? Wo stellt sie sich dar? Wo ist sie nachweislich vom Inhalt her zu finden? – In diesem Manne! Man wird ihm nicht in allen Einzelheiten folgen. Er wird kein Kollektiv und keine Herde bilden. Er wird keine Befehle geben über die ewigen erkannten Normen des Gotteswillens hinaus. Er wird nicht Kompanien und Divisionen zusammenschweißen und Marschbefehle erteilen. Er wird den Einzelnen anreden und dem Einzelnen seine Chance zur Freiheit geben. So wie Christus, so auch der Papst – wenn er seines Amtes waltet! –, so auch jeder Bischof und jeder Priester, sofern er inhaltlich mit seinem Amte übereinstimmt!

Das ist die Erweckung des Einzelnen durch wahre Autorität, aber nicht die Knechtung und Bildung von Herden durch Potentatentum! Das alles muß gesehen werden. Die Wandlung vom Gewaltherrscher, vom übergeordneten, unerkannten, unvertrauten Gott zum nahen, weckenden Gott der plausiblen Autorität: das ist die Wandlung an diesem Abend, in dieser heiligen Stunde, Deine Erweckung zu Dir selbst! AMEN.

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Einzelner
   
Mahl
   
Willkürgott
   
All-Einheit
   
Du-zu-du
   
Emanzipation
   
Alter Bund
   
Kommunion
   
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