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actio spes unica Pfarrer Milch St. Athanasius Bildungswerk Aktuell

Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch

Christi Himmelfahrt 1983

Meine lieben Brüder und Schwestern,

 

es ist das Fest der Verborgenheit Gottes. Christus wird verborgen. Sein Gesicht entzieht sich dem Anblick der Seinen. Er geht ein in Gottes Unsichtbarkeit und beweist damit, daß Er im vollen Sinne auferstanden ist und daß Sein Leib durchdrungen ist von der Gottheit und daß Leib und Seele verklärt göttliche Eigenschaft angenommen haben im vollen Sinne. Gott ist verborgen und Gott ist sichtbar. Beides ist und bleibt wahr. "Ich bleibe bei euch bis ans Ende der Welt." Das ist im vollen Sinne zu verstehen. Und es ist das spezifisch Katholische, davon überzeugt zu sein, an die Kirche zu glauben als an die Fortsetzung dessen, was an Christus sichtbar gewesen ist, die Fortsetzung Seines Fleisches. Denn die Kirche ist wesenhaft nichts anderes als Christus und Seine Erlösungstat und Seine Verkündigung. Und Christus ist gegenwärtig und wirkt als Papst, als Bischof, als Priester. Und auf der anderen Seite Maria, die dieses Sein Wort und Sein Werk ganz in sich aufnimmt, die Vollbegnadete. Damit ist die Kirche fertig, wie ich kürzlich erst sagte. Eines weiteren bedarf es nicht. Christus braucht Dich und mich nicht. Wir sind in dem Maße Kirche, wie wir in das JA-Wort Mariens einsteigen, in ihre Hingabe – "Mir geschehe nach Deinem Wort" –, so daß ihre Hingabe fürbittweise uns angerechnet wird, so daß wir im Vertrauen auf ihre Hingabe Christus unmittelbar begegnen können. Aber eben wir sehen Ihn, wir hören Ihn in klaren Aussagen, in Menschenworten, die das signalisieren und garantieren, was über Raum und Zeit hinausgeht. Gott ist greifbar und faßbar und wahrnehmbar. Wir schauen Ihn in den heiligen Mysterien, und wir hören Ihn in Seinem Wort, und wir lesen Ihn, wenn wir die heilige Schrift aufschlagen, den großen Liebesbrief Gottes an dich. Und dann gilt das andere Wort: "Euer Leben ist mit Christus verborgen im Schoße des Vaters." Alles, was wir sehen, was wir an entrückten Stellen in heiligem Abstand staunend, erschauernd wahrnehmen, ist der reale Reflex, die reale Projektion dessen, was in Dir und in mir ist. Verborgen ist unsere Tiefe in Gott. Das ist ein unerschöpfliches Geheimnis, schon von der Schöpfung her. Du bist Gedanke Gottes, seinshaft in Deiner Tiefe, Licht, Herrlichkeit; denn Gottes Gedanke ist Herrlichkeit. Aber infolge des Sündenfalls, infolge der Verweigerung, die das Menschengeschlecht in Adam und Eva vollzog, ist der Mensch von sich selber getrennt. Er lebt als das Nichts seiner selbst, als die Lüge seiner selbst, außerhalb seiner Eigentlichkeit, als Zufall.

Die Masse der Menschen ist eine Masse von Zufällen, zusammenzählbaren Zufällen, Produkte der zufälligen Zusammenkunft von Chromosomen, Ergebnis dessen, was man schon bei Ururopa und Ururoma festgestellt hat. Das alles ist auf eine bestimmte zufällige Weise zusammengekommen. Heraus kommt dann ein Charakter körperlicher und seelischer Art. Und bei den allermeisten Menschen ist es so, daß sie nichts anderes sind als Produkte dieser Zusammensetzung der Chromosome, und wie sie mit vier Jahren waren, so bleiben sie im wesentlichen bis Sechzig, Siebzig. Sie ändern sich nicht und sind scheinbar hoffnungslos ihren Charakteranlagen ausgeliefert. Aber der Mensch als solcher – Du, in Deiner Einmaligkeit –, weist über diese ganze Zusammenfassung von Zufälligkeiten hinaus! Du bist kein Produkt von Vererbung und Umwelt, Du bist kein Resultat, sondern Du bist Gedanke Gottes! Und der Zugang zu Dir und zu Deiner Tiefe ist durch das Blut des Gottmenschen wieder geschaffen worden. Und die Menschen, in denen ihr eigentliches Sein über die Zufälligkeiten ihrer charakterlichen Veranlagung triumphierte, das sind die Heiligen. Da kommt ihre menschliche Einmaligkeit und Eigentlichkeit, Unvergleichlichkeit zum Ausdruck. Daß das Menschsein in einem jeden von ihnen einen eigenen, unverwechselbaren, unwiederholbaren Ausdruck gefunden hat, das kommt zum Vorschein bei den Heiligen. Darum kann man niemanden weniger kopieren als die Heiligen; denn das Heiligsein besteht ja gerade in der vollkommenen Einmaligkeit, Unverwechselbarkeit. Das kommt daher, daß Du nun wieder Zugang gefunden hast zum Gedanken Gottes. Und wenn Gott einen Gedanken hat, dann ist das nichts, was in Ihm, an Ihm hängt. In Gott gibt es nicht dieses und jenes, Gott ist vollkommen Einer und Eines. Darum ist der Gedanke Gottes, den Gott von Dir denkt, selber identisch mit Gott. Das ist ein unergründliches Geheimnis. Und darum mündest Du in Deiner Tiefe in Gott. Und Gott hat Dich wieder hineingeholt in Deine eigene Tiefe und in Sich selber, so daß Er in Dir wohnt und in Dir, ganz präzise gesagt, der Himmel ist.

Die Predigt lebt von den Wiederholungen. Der Inbegriff der Predigt ist die Wiederholung, immer und immer wieder. Lesen Sie Johannes – ständige Wiederholung. In kreisspiraliger Weise taucht immer wieder dasselbe auf, aber dann immer jeweils unter neuem Gesichtspunkt und neuem Glanze und neuer Tiefe, erneut erstaunlich, nicht das bisher Erkannte ablösend, sondern bestätigend und bekräftigend, aber in einer erleuchtenden Weise bestätigend, Staunen erregend. Darum muß immer wieder dasselbe gesagt werden. Und wir haben es nötig, daß uns immer wieder dasselbe gesagt wird. Denn wer denkt, obwohl er es tausendmal hört, denn real daran, daß tatsächlich in Ihm der Himmel ist? Wie das von mir so oft zitierte Wort des Angelus Silesius heißt: "Halt ein, wo eilst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für." Aber trotzdem, ich garantiere, es heißt morgen wieder: "Da oben ist ja auch schließlich noch der Herrgott, und wir sind da unten die Menschen", außerhalb des Herrgottes. Und Er wirkt von oben nach unten.

Wie der falsche Himmelsbegriff. "Himmel" und "Himmel" ist ein Wort für zwei völlig verschiedene Begriffe. Aber es läßt sich nicht austreiben. Die Vorstellung besteht: Da oben, über Wolken und Sternen, da throne Gott und zu Seiner Rechten Christus. Ganz wörtlich und bildlich setzt sich das in den Gehirnen fest. Irgendwie muß man ja eine Vorstellung haben, gewiß. Aber man soll wissen, daß sie falsch ist. Er ist nicht oben und wirkt. Daher kommt ja auch das mit den Bittagen. Nichts gegen Bittage, nichts gegen die Segnung von Fluren und Feldern. Warum soll auch nicht die Erlösungsreligion einige naturreligiöse Anhängsel haben! Schließlich wirkt sich die Erlösung, die Erneuerung, die Verklärung auf das Materielle aus.Und es muß auch ein Exorzismus gesprochen werden über den bloßen Stoff, über die vegetative und animalische Welt, damit auch da die Dämonen rausgehen und alles dem Reiche Gottes dient, im Sinne des Gottesreiches, und unter die Schutzglocke der väterlichen Führung gerät. Darum werden die Felder gesegnet. Davon werden die Kartoffeln natürlich nicht dicker. Aber alles gerät dann unter die führende Gewalt des himmlischen Vaters. Das soll man ruhig tun. Aber daß ausgerechnet die Bittage vor dem Fest Christi Himmelfahrt gelegt worden sind, verrät einen absoluten Aberglauben. Nämlich der Himmel wird da gleichgesetzt mit dem Himmel da oben. Von oben kommt ja der Sonnenschein und der Regen und der Tau und der Nebel. Und also hat die Himmelfahrt etwas mit dem Wetter zu tun. Und offenbar ist ja Gott vorrangig damit beschäftigt, das Wetter zu regulieren und die entsprechenden Apparate zu bedienen. Und darum ist es angezeigt, vor Himmelfahrt die Fluren zu segnen, damit es dann auch vom Himmel her entsprechend günstig regnet oder die Sonne scheint.

Platter Aberglaube! Das darf man nicht leicht nehmen. Das hat man immer so leicht genommen. Man hat gesagt: "Das schlichte gläubige Volk soll das doch ruhig so annehmen." Eben nicht, nein! Es gibt für uns kein schlichtes gläubiges Volk, sondern die Braut Christi, die hinaufgehoben wird zur Höhe des Christus und zur Höhe dessen, was der Priester weiß! Da ist nicht hier der gescheite Priester – und die Priester, die so tun, als wären sie so gescheit, daß die Gemeinde sowieso nicht verstünde, gerade die sind es am wenigsten! –, sondern der Priester ist dazu da, seine Weisheit mitzuteilen und die Gläubigen einzuweihen in seine Weisheit kraft seiner göttlichen Autorität! Denn die Autorität ist dazu da, den Abhängigen hinaufzuheben in die Sphäre der Autorität, in die Sphäre des Ursprungs.

Sehen Sie, Himmelfahrt, Himmel; oben – unten, Senkrechte – Waagerechte. Sie hören von mir immer wieder diese Worte, die sinnbildlich aus dem Bereich des Räumlichen genommen sind. Es bleibt nichts anderes übrig. Wir müssen immer wieder diese Begriffe "oben" und "unten" usw. gebrauchen. "Senkrechte", was heißt das denn? Senkrechte heißt: die Beziehung des Urhebers zum Abhängigen, des Urhebers von dem, der aus Ihm geworden ist, des Ursprungs zum Urspringenden. Dieses ist unterbrochen worden. Jetzt wird's wiederhergestellt dadurch, daß der Urheber selber zum Abhängigen kommt. "Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater." Das heißt, und der Psalmvers muß hinzugenommen werden: "Ich nehme Gefangene mit, für die Freiheit Gefangene." Die Gefangenschaft nimmt Er gefangen mit, d.h. Dich und mich hinein in die Höhe Seiner selbst und Seines Vaters. "Ich und der Vater sind eins." Das heißt die Senkrechte. Denn der Urheber kommt und bietet Sich an, der gekreuzigte Gott. Und "JA" sagen muß der freie Wille. Und der freie Wille ist des einzelnen. Und darum gehört Er ganz Dir, der erscheinende, menschgewordene, Sich opfernde, geopferte Gott – ungeteilt Dir. Du kannst dich nicht verstecken wie im Klassenzimmer, in einer Masse, in einem "Wir"; sondern Du allein auf freier Pläne, ungeschützt, barhäuptig bist ausgeliefert diesem allgewaltigen Angebot. Und wenn Du "JA" sagst, wirst Du hinaufgehoben – das ist die Senkrechte –, also hineingehoben in den Urheber.

Oben – unten: Wir gebrauchen's ja sinnbildlich auch sonst in unserer Umgangssprache. Banales Beispiel: Wir sind auf der Zugspitze oder auf dem Feldberg und reden von der Regierung, sagen wir in Bonn. Und da sagen wir "die da oben in Bonn". Räumlich sind wir weit über denen. Bonn ist Tiefebene. Aber die sind "da oben", weil wir, was das Funktionieren des Gesellschaftlichen anbetrifft, von denen abhängen. Die stehen in einem gewissen Ursprungsverhältnis zu uns. Darum sagen wir: "die da oben". Genauso ist das auch im Zusammenhang mit Gott zu verstehen, das Oben und Unten, Senkrechte – Waagerechte. Die Waagerechte ist die Innerwelt, voller Schranken, voller Grenzen, absolut hoffnungslos, voller Varianten des Nichts, eine tödliche Misere ohne Aussicht, ohne Verheißung, trostlos. Das ist die Innerwelt. Die ist durchbrochen worden dadurch, daß nun Er hineingekommen ist, um mich hinaufzuheben, d.h. in Sich hinein. Und darum ist die Aufgabe des Priesters, als Christus die Braut mich sich zu vereinen, d.h. den gläubigen "JA"-Sagenden immer mehr einzuweihen, damit Ehe werde. Und Ehe steht im Zeichen, die gottgewollte, die Einehe, der absoluten Ebenbürtigkeit. Und wenn es heißt: "Der Mann ist das Haupt und die Frau ist der Leib", dann ist das so zu verstehen: Die Frau ist die Bestätigung des Mannes, die Fülle, die Erfüllung, ganz präzise, gar nicht romantisch, pathetisch, sondern ganz präzise: spiegelnder Bronnen, Ratgebende, um den Mann Wissende, in ihn Eingeweihte und sein Wissen in sich tragend, gebärend, um ihn zu bestätigen und aufzufordern und zu ermuntern. Das ist die Würde, die königliche Würde der Frau. Mit Gleichberechtigung hat das natürlich rundherum gar nichts zu tun, sondern mit Ebenbürtigkeit. Es wäre einfach ein objektives Verbrechen – das Verbrechen ist ja Legion! –, daß der Priester einfach sich in seiner vermeintlichen Höhe wahrt und die "dummen" Gläubigen unten läßt, mit erhobenem Zeigefinger sagt: "Es genügt, wenn ihr schön anständig seid und die Gebote haltet. Und je mehr ihr wißt, desto schlimmer ist es, desto frecher werdet ihr nur. Ihr braucht nichts zu wissen, ihr braucht nur in den Himmel zu kommen." Das ist so praktisch der mohammedanische Standpunkt. Das könnte genauso gut ein Imam sein, der so handelt. Das hat nur mit Erlösung und mit Christus rundherum nichts mehr zu tun. Das ist die jahrhundertealte Hypothek, die auf uns lastet und die die Bedingung dafür geschaffen hat, daß die Katastrophe kommen konnte. Sonst wäre sie nicht gekommen.

Das ist Himmelfahrt: Er nimmt uns mit und taucht uns hinein. "Gott hat Seinen Diener Josef Müller zu Sich genommen": das ist eine Taufanzeige, keine Beerdigungsanzeige. Wenn nämlich am Sterbebett Du noch nicht in Gott bist und Gott Dich noch nicht zu Sich genommen hat, dann ist alles zu spät, dann nimmt Er Dich nicht mehr zu Sich. Aber es ist nicht auszutreiben: Da oben ist Er, hier unten sind wir, und dann fliegt die Seele himmelwärts, weit, weit weg. Und Er guckt von oben dann nach unten in das Gewimmel. – Das wäre eine richtige Taufanzeige: Gott hat oder wird dann und dann die oder den zu Sich nehmen. Aber welcher Schrecken: vorausgenommene Todesanzeige! – Nein, Taufanzeige. Und alles, was auf dem Grabstein steht, ist sowieso Kokolores; denn der Betreffende ruht da nicht in Gott. Aber das habe ich schon x-mal gesagt. Nein, wir sind jetzt schon objektiv im Himmel, und der Himmel ist in uns! Das ist die große Botschaft. Wir sind hineingenommen ins Innerdreifaltige, d.h., Gott ist nicht nur in uns, weil Er allgegenwärtig ist. Das würde uns wenig nutzen. Allgegenwärtig ist Er als der alles Erschaffende, gewiß. Da ist Er als der Eine gegenwärtig. Denn wenn Gott nach außen wirkt und außerhalb Seiner etwas ins Dasein ruft, dann wirken alle drei Personen als eine Ursache der Erschaffung zusammen. Deshalb erscheint denen, die draußen sind, Gott als der Eine wie ein monolithischer Block. Aber wir sind ja nicht mehr draußen, sondern drinnen. Und drinnen ist Ekstase, Flamme, Liebe, Feuer – was dasselbe ist wie die "ewige Ruhe". "Herr, gib ihnen die ewige Ruhe", das heißt: Nimm sie hinein in die Überfülle, ins Übermaß Deiner Wonne, Deiner Macht, so daß jeder einzelne Mitte ist, bedient von den Heerscharen der Engel und gepriesen, bewundert, bestaunt und hineingenommen ins ekstatische Feuer, da die Personen in Liebe kreisen und ineinander wohnen. Dort, auf seiten des Sohnes, bist Du jetzt schon beteiligt, verhüllt vom Kreuz. Und die Macht Gottes wirkt Sich im Kreuz aus und in Deiner Schwachheit, in Deinem beständigen Fallen und Aufstehen und Deinem beständigen Wiederanfang. Da wirkt Sich die Macht Gottes aus. So bist Du in Ihm, daß Seine Liebe Dir ganz gehört. Und wenn Du die Augen schließt – jede wahre Frömmigkeit ist Mystik –, dann ist das das "stille Kämmerlein", das Christus anspricht, das Brautgemach. Und drinnen gewahrst Du die drei göttlichen Personen in Ihrer Unendlichkeit, die miteinander reden – Über wen? Über Dich! –, ewige Liebesgespräche über Dich führen. Dort versenke Dich, schließe die Augen, damit Dein Leben mit Christus im Schoße des Vaters verborgen sei. Und das Wesen der Frömmigkeit ist die Verborgenheit. Die Frömmigkeit zeigt sich dadurch, daß sie sich nicht zeigt. Die Frömmigkeit, die man bemerkt, ist schon verdächtig.

Aber sehen Sie, diese ungeheure Tiefe: Lassen Sie mich dazu noch drei Sachen sagen. Erstens: Lesen Sie die heilige Schrift. Die Jünger schauen nicht mehr das Antlitz Jesu. Das ist die "kleine Weile", die auf uns lastet als Kreuz. Wir schauen nicht dieses Gesicht. Aber der Tröster tröstet uns darüber hinweg. Deshalb wird der Heilige Geist "Der Tröster" genannt, damit wir, Ihn anrufend und in Anspruch nehmend, beim Lesen der Schrift Sein Antlitz vor unser geistiges Auge bekommen. Und das Antlitz Jesu wird erahnt in den Ikonen. Die müssen von oben nach unten betrachtet werden, von der Stirn über die Augen. Da wird erst die ganze Gewalt dieses Antlitzes deutlich: kühn, höchst vom Genie gekennzeichnet, feurig, leidenschaftlich, festlich, milde. Wie es in Sterbegebeten so herrlich heißt, vom "festlichen und milden Antlitz des Erlösers". In den Reliefs der Kathedralen, in den Gemälden von Giotto, El Greco und Fra Angelico, da ahnen wir Sein Antlitz. Und es ist eines der entsetzlichsten objektiven Gotteslästerungen, was mit Seinem Antlitz geschehen ist, bis hin zu dem Standardantlitz, das in unseren Kreisen umeinander geht, dieses peinliche, gotteslästerliche Gesicht mit den feuchten, perversen Jünglingsaugen. Das ist eine objektive Gotteslästerung! Bedenken Sie also, daß Sie nicht Schriftchen, Heftchen, Erscheinungschen, Botschaftchen und all diesen ganzen Zauber lesen, sondern dort, wo Sie wirklich wissen: Da spricht Er. Da lesen Sie. Da rufen Sie den Heiligen Geist an. Da bekommen Sie Ihn vor's Angesicht.

Und dann, wenn Sie aus dieser Ungeheuerlichkeit heraus leben, dann wird daraus ein Mensch, strahlend, kräftig, unmittelbar, durchsichtig, lachend, erhobenen Hauptes und keine verquisselte, sentimentale Nudel, die man so oft hat – leider! –, in sich vermuckt, geduckt, unklar, verhangen, engstirnig, abergläubisch, fetischistisch. So wimmelt's doch in unseren Reihen – leider! Einen großen Staat können wir mit vielen Tausenden weiß Gott nicht machen – leider! Das ist kein Vorwurf, das ist eine Diagnose, eine Krankheitsdiagnose. Eine falsche Vorstellung von Frömmigkeit steckt dahinter. Der wahrhaft Fromme steckt an durch seine starke Ausstrahlungskraft, durch sein lachendes, freies Wesen, und er findet einen Gewinn darin, sich selber zu überwinden, anzupacken und sich und sein Schicksal in Griff zu bekommen. Stattdessen hat man heute gerade bei jungen Menschen – ich erleb's ja doch laufend. Man hat's mit immer mehr Psychopathen zu tun. Und die können dies nicht, und die können jenes nicht, und jeder braucht was, und der braucht dies, und der braucht unbedingt das, und "das kann ich nicht", und "das muß ich haben, sonst werde ich verrückt", und "das kann mir niemand zumuten" usw., usw.; und dann bricht das über einen ein und bricht jenes über einen ein. Menschenskind, was sind das alles für Kümmerlinge! Dies Geschlecht, dieses weiche – lauter Weichtiere! –, ist gerade dazu da, um niedergemäht zu werden! Dieses Volk, dieses Geschlecht ist reif für den Untergang, wenn nicht Kader neuer Stärke entstehen, die aus der Kraft des Innewohnen Gottes sich selber überwinden, anpacken, lachen, stark sind. Und die bringen auch wahre Opfer im Verborgenen. AMEN.

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