Schild der actio spes unica
actio spes unica Pfarrer Milch St. Athanasius Bildungswerk Aktuell

Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch

6. Sonntag nach Epiphanie 1984

Meine lieben Brüder und Schwestern,

 

heute morgen war ich in Zaitzkofen bei der Weihe von zehn Subdiakonen. Morgen sind niedere Weihen. Ich möchte das Ihnen herzlich Ihren Gebeten anvertrauen, dies alles. Denn wir sind da. Und wir sind in dieser Kapelle, und wir bilden innerhalb der Priesterbruderschaft, der Meßzentren, der actio spes unica eine heilige Formation des Gebetes, der Hingabe, der Hoffnung mit einem klaren Ziel. Und dieses Ziel bindet und bestimmt uns. Und dieses Ziel heißt: Für das gemeindliche Leben soll einmal diese Kapelle überflüssig werden. Sie ist gebaut, um einmal überflüssig zu werden. Die Priesterbruderschaft ist da, um einmal überholt zu sein. Die actio spes unica ist gegründet und wirkt, um überflüssig zu werden. Ich sage das mit aller Deutlichkeit, daß jeder von uns kein Recht hat, innerlich die Hoffnung aufzugeben auf diesen großen Termin der Wende, sonst ist sein Dasein als Betender und Sühnender überflüssig. Ich sage das sehr bewußt. Ich werde das auch in meinem nächsten spes-unica-Rundschreiben deutlich sagen und auch in Mainz sagen.

Manche haben sich so innerlich damit abgefunden und sind so gesetzt und ergehen sich, was die Zukunft der Kirche anbetrifft, in einer behaglichen Skepsis. "Es ist doch nichts mehr zu hoffen" oder "es muß zuerst ein Strafgericht kommen, damit 'die Menschen' zur Besinnung gelangen" – eine totale Illusion, eine unerlaubte Utopie, völlig unrealistisch. Denn erstens ist das mit dem "Strafgericht" theologisch nicht haltbar, und zweitens wird durch eine große Katastrophe keineswegs erreicht, daß "die Menschen" zur Besinnung kommen. Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Das ist eine blanke Wahnvorstellung. Da kommt niemand zur Besinnung. Sondern wir müssen beten, daß die Katastrophe, die freilich uns bedroht, abgewendet wird, gegen alle Hoffnung. Sie bedroht uns deswegen, weil die Masse der Menschen und unsere, deine und meine, allzugroße Gleichgültigkeit eingeschlossen sich von Gott abwenden und sich dadurch der Willkürherrschaft des Fürsten dieser Welt ausliefern. Und wenn man sich dem Fürsten dieser Welt ausliefert, liefert man sich den Katastrophen aus. Da ist nichts mehr, was eingebunden wäre in die Disposition des Vaters. Da ist dann nichts mehr, denen die Verheißung gilt, "denen, die sich Gott verschwören, gereichen alle Dinge zum besten". Dann wird uns nichts mehr zum besten gereichen, sondern es wird alles entsetzlich werden. Dem müssen wir uns entgegenstemmen und nicht etwa sagen: "Es muß erst einmal der Herrgott dreinschlagen" – was schon mal nicht stimmt. Er schlägt nicht drein, sondern es schlägt Satan drein. Und das ist so eine Selbstdispens von der Hoffnung gegen alle Hoffnung. Es ist uns nicht erlaubt, dieses Zwischenereignis ins Auge zu fassen, sondern es ist uns nur erlaubt und geboten, gegen alle Hoffnung den Tag der Wende herbeizusehnen, herbeizubeten, herbeizuhoffen. Dazu sind wir da. Wenn dann der Tag der Wende kommt, dann kann diese Kapelle also eine Anbetungskapelle bleiben und als ein Gedächtnismal unseres heiligen Widerstandes. Aber wir werden dann in unser angestammtes Eigentum, das momentan unter Fremdherrschaft steht, zurückkehren – wir, die eigentlichen Eigentümer. Und damit wir zurückkehren können und dies als Gottesdienstraum überflüssig wird, zu ihrem eigenen Überflüssigwerden ist diese Kirche hier gebaut. Und zu ihrem eigenen Überflüssigsein ist die actio spes unica bestimmt.

Ich merke rundum zuwenig flammende Hoffnung und gebanntes Hinzielen auf den großen Termin! Und es gibt für uns nur diese Hoffnung auf diesen Termin. Ringsum blickend bemerken wir nichts, was darauf hindeutet. Von der waagerechten Dimension her, vom Innerweltlichen her, von den Gesetzen der Erfahrung, der Geschichte her besteht keine Hoffnung. Das weiß ich auch. Aber es gibt nur eine – und die bist du. Wenn du also ringsum keine Hoffnung bemerkst, schau in den Spiegel: Du bist da, um lebendige Hoffnung zu sein. Richte darauf deine Interessen aus, deinen unbedingten Willen. Es ist eine Einbahnstraße, unser Wille, ohne Abzweigung, ohne Rückkehrmöglichkeit. Wir selber verbauen uns kraft unseres in Gott gründenden Willens jeglichen Rückzug. Es gibt nur eine Zielrichtung. Das ist dieser eine Termin: die Wende. Sie wird kommen durch den Machtspruch eines Obersten Hirten. Wir erwarten den Obersten Hirten und seinen Machtspruch. Wie auch das Wort ursprünglich im Zusammenhang gemeint sein mag, interessiert uns nicht. Es gilt für sich selber. Das Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt gebrauchen, reißen es an sich. Es wird ein Gewaltakt von einem Obersten Hirten geschehen, dem alles egal ist; ob er beliebt oder unbeliebt sein wird, ob es Revolten, Protestaktionen, Umzüge, Widerstände geben wird, das wird ihm vollkommen egal sein. Wir brauchen einen Hirten, der sich um Beliebtheit oder Nichtbeliebtheit, um Furcht oder Lob nicht schert – den brauchen wir –, dem Jubel oder Haß vollkommen gleichgültig sind, der ein schlechtes Gewissen hat, wenn er nicht den Haß der Welt gegen sich lenkt und gelenkt kriegt. Wer mit gutem Gewissen als Hirte erträgt, daß die Welt ihn nicht haßt, taugt nicht zum Hirten. Der Hirte kann erst ein gutes Gewissen haben als Hirte – generell ein gutes Gewissen kann keine Person von uns haben, weil wir alle viel zuwenig lieben; aber mit Hinblick auf die Ausübung seines Amtes kann er ein gutes Gewissen haben nur angesichts dessen, daß er gehaßt wird. Wenn er beliebt ist, allgemein beliebt ist, ist das für ihn ein Grund zu allerschlechtestem Gewissen. Er darf sich also darum nicht scheren, nur das eine wollen und das eine sagen. Die Kirche hat ihre Macht in Christus und Maria und in denen, in denen sich Christus und Maria erneut verwirklicht, von DU zu DU. Die Zahl spielt dabei keine Rolle. Die Macht der Kirche ist Geist und Feuer. Und Geist und Feuer ist in dir. Die Großmacht bist du.

Ich komme also wieder auf mein Thema zurück, das ich immer wiederhole und das trotz aller meiner Wiederholungen so beharrlich mißverstanden wird, wenn ich vom einzelnen und seiner Macht spreche. Da wird gefaselt davon, ich sei Individualist, oder es wird gefaselt, ich sei gegen die Gemeinschaft. Es wird gefaselt, ich sei dagegen, daß man zusammenkommt. – Totale Mißverständnisse. Um was geht es denn, meine Freunde? Ich sage, der einzelne ist alles. Im einzelnen allein ist die Menschheit konkret und real. Keiner kann mit dir oder für dich wollen, denken, fühlen, sich einsetzen. Das kannst nur du ganz allein in deiner Hingabe an Gott. Denn Gott gibt Sich dir ganz und ungeteilt hin, als wärest du allein und es gäbe niemanden außer dir. So gibt Sich dir Gott ganz hin, total. Wäre es nicht so, so wärest du nicht erlöst. Denn die Erlösung besteht darin, daß dir das Unendliche geschenkt wird, daß in dein Nichts, das du von dir aus bist, der unendliche Gott Sich hineinbegibt – ungeteilt. Und Er ist ja unteilbar. Und wenn Er dir nicht ganz gehörte und wenn der menschgewordene Gott mit Seinem Opfer, mit Seinem Hingang zum Vater in Tod, Auferstehung, Himmelfahrt dir nicht ganz und ungeteilt gehörte, wärest du ja gar nicht erlöst. Denn du willst ja alles. Du mußt ja alles wollen. Wenn du das mit anderen teilen müßtest, wärest du nicht erlöst. Deshalb gibt es im Raum der Erlösung kein Miteinander, den das Wort "mit" steht immer im Zeichen der Teilung. Es gibt aber keine Teilung. Wir teilen uns nicht in die Gabe Gottes, so daß jeder etwas abbekäme. Da wären wir die ärmsten und verlorensten aller Menschen. Wir sind nur erlöst dadurch, d.h. du bist nur erlöst dadurch, ich bin nur erlöst dadurch, du jeweils und ich jeweils, daß [wir] alles, ungeteilt von Ihm, in Ihm, durch Ihn haben, den ganzen Gott mit Seiner ganzen Tat und wenn du weißt, das Glaubensbekenntnis mit all seinen Inhalten ist um deinetwillen, für dich gesagt und dir mitgeteilt und geht dich an und ist deine ureigenste, höchst private und allerprivateste, allerdeinigste Angelegenheit – alles, was hier geschieht, alles, was du hier hörst.

Ist das jetzt Individualismus? Bin ich da gegen "Gemeinschaft"? – Ich bin schon mal gar nicht gegen Zusammenkommen. Als Christus Seine Jünger aussandte, die zweiundsiebzig Jünger, zwei und zwei, was von Zeugen Jehovas und Mormonen in einem totalen Mißverständnis nachgeahmt werden wird und nicht nachgeahmt werden kann, weil sie es falsch machen und genau umgekehrt, als der Herr es wollte, der deutlich sagte: "Gehet nicht von Haus zu Haus." Der wollte, daß sie hingehen in die verschiedenen Städte und Orte, damit dort die Leute zusammenkommen und den Zusammengekommenen gepredigt wird. Warum kommen denn die Leute zusammen? – Damit der einzelne unter ihnen seinen freien Raum hat zu seiner eigenen Entscheidung. Denn wenn ich mit anderen zusammen stehe, neben anderen, dann stehe ich unter keinem Zugzwang, unter keiner Suggestion. Ich höre und kann "Ja" und "Nein" sagen. Ich kann nach Hause gehen und mir die Sache durch den Kopf gehen lassen und mich für mich ganz allein entscheiden. Gerade mein Alleinsein und mein Einsamsein, wird das Zusammenkommen vieler gewährleistet. Nur müssen sie frontal stehen, auf eine Richtung, nicht im Ringelreihen, nicht rundherum, nicht im Rundgespräch – da gibt's nur Mist –, sondern in eine Richtung. Und einer spricht, und die anderen hören alle zu. Und Austausch von Erfahrungen und ähnliche Mätzchen fallen weg. Das nutzt nämlich nichts, oder Austausch von Meinungen. Firlefanz ist das, Zeitvergeudung, führt zu gar nichts, verwirrt die Geister und bringt die Kirche um den Anblick, der erlöst. Und der erlösende Anblick ist eigentlich der Anblick der Souveränität. Wo die Souveränität wegfällt, fällt auch die Erlösung weg. Darum soll man zusammenkommen, um frontal auf einen, der Macht hat, der zuständig ist, der legitimiert ist, ausgerichtet zu sein. Also bin ich durchaus für Zusammenkunft.

"Geht nicht von Haus zu Haus. Wer zu mir kommen will, soll kommen. Ich weise niemanden zurück", sagt der Herr, "der zu Mir kommt." Man kommt zu Ihm. Und Er geht zu dem, der Ihn erwartet. Aber Er drängt Sich nicht auf. – Klingelingeling. "Ich komme hier im Namen der ewigen Wahrheit und möchte Sie fragen, ob sie sich nicht entscheiden wollen dafür oder dafür." – Das ist unvornehm. Genau das will Christus gar nicht. Dazu gehört zwar Mut. Aber Mut ist ja nur eine sehr relative Tugend. Wenn ich im Nachthemd über die Straße laufe am hellerlichten Tage, dann gehört auch Mut dazu. Das ist natürlich sinnloser Mut. Und der Mut, mich mit dem "Wachtturm" auf die Straße zu stellen wie eine Salzsäule (Dazu gehört zweifellos Mut und ungeheure Ausdauer, in Gewitter und Sturm und Kälte und Hagelschlag da dauernd zu stehen, unbeweglich, und den Wachtturm hochzuhalten.), a la bonheur, gut, aber kein Modell, kein Vorbild. Und dann so die Wohnungen abzuklopfen und zu schellen: das ist immer ein Unter-Druck-Setzen. Christus will die Freiheit des einzelnen. Und die ist gerade gewährleistet, wenn viele frontal in eine Richtung schauen zu einer souveränen Autorität. Also gegen das Zusammenkommen habe ich gerade um des einzelnen willen gar nichts.

Dafür nimmt man nun oft das Wort "Gemeinschaft" in Anspruch. Das ist ein paar Nummern zu groß dafür, das Wort, aber was bleibt einem anderes übrig. "Männerwerk" gibt es schon, "Verein" ist kein gutes Wort, ist anrüchig; da sagt man halt "Männergemeinschaft", "Frauengemeinschaft", obwohl der eigentliche Begriff "Gemeinschaft" – das ist ein sehr hoher Begriff – damit noch lange nicht erfüllt ist. Man kommt zusammen, um sich etwas anzuhören und dann Fragen zu stellen, und zwar an den, der zuständig ist, und wesentliche Fragen, inhaltliche Fragen; nicht irgendwelche Ansprüche und Überlegungen über Quisquilien und Zeit und Datum und Ort und Länge, sondern inhaltliche Fragen und nicht untereinander Meinungen austauschen, wo man nicht zuständig ist, und Sachen behaupten, die ich nie gesagt habe, z.B.: "Der Pfarrer Milch ist gegen Gemeinschaft. Also trete ich in die Frauen- oder Männergemeinschaft nicht ein." Denn der Pfarrer Milch ist nicht gegen Gemeinschaft, ganz und gar nicht. Denn wahre Gemeinschaft setzt ja die Einzelheit, das Einzelrecht und Eigenrecht, die Eigenständigkeit des einzelnen voraus, seine Thronerhebung, seine Souveränität, daß er es ist, der sich entscheidet, seine Freiheit, sein Beschenktsein, sein Begnadetsein, sein Eingeweihtsein, seine Erkenntnis, seine Entscheidung, seinen unbedingten Willen. Und wenn zwei oder drei einander in diesem Zeichen finden und einander erkennen – DU-zu-DU –, dann ist das etwas, was sich wie eine heilige Kettenreaktion fortsetzen kann. Das ist dann Gemeinschaft, erwachsend aus wahrer Freundschaft, immer bestehend im DU-zu-DU und im Zeichen der gegenseitigen, uneingeschränkten Ehrfurcht voreinander, ohne die Neugierde, dem anderen ins Nähkästchen schauen zu wollen, ohne ordinäres Begehren, sich um den anderen zu kümmern oder vom anderen zu reden.

Ich kann erst dem anderen dienend helfen, wenn ich kein ordinäres Interesse für ihn habe. Ich habe nur wahrhaft Interesse für den anderen, wenn ich schweigend gar nicht darauf erpicht bin, etwas von ihm zu hören. Nur im Schweigen erfüllt sich die wahre Kunst, sich in den anderen einfühlend hineinzuversetzen. Die Voraussetzung ist [die] Ehrfurcht vor der Großmacht des einzelnen. Und Gemeinschaft ist soviel wert, wie in ihr die Großmacht des einzelnen als solche wiegt und gilt. Das ist dann "Gemeinschaft", ein großes hohes Wort. Und große Ausnahmen, Blüten solcher Gemeinschaft tragen dann den Namen "Bethanien" oder gar den Namen "Ephesus". Aber das ist jetzt ein zu schweres Kapitel und bedarf einer besonderen Einweihung. Darüber will ich jetzt nicht reden. –

So müssen Sie das verstehen. Zusammenkommen durchaus, nur zu. [Es ist] nur die Frage: Zu welchem Zweck, unter welchem Aspekt kommen wir zusammen? Wenn wir zusammenkommen, um dem einzelnen seine Chance zu geben, er selber zu sein, dann ist das Zusammenkommen recht. Wenn wir aber zusammenkommen unter dem Motto: "Der einzelne ist ja gar nichts. Der ist wenig, das ist ein Kleinchen. Erst in der Summe entsteht das Nennenswerte", dann ist das Nationalsozialismus, Bolschewismus, Progressismus, jedenfalls Totalitarismus, dann ist der einzelne nur ein Teil eines Ganzen, Teil einer Summe. Das freilich ist radikal abzulehnen, ist das Böse und das Antichristliche in sich. Wenn z.B. behauptet wird: "Wenn einer betet, ist das wenig; aber wenn mehrere zusammenkommen, dann ballen sich die Gebete zusammen, und hundertmal Gebet wiegt bei Gott mehr als einmal Gebet", dann ist das die kompletteste Irrlehre, die man sich überhaupt vorstellen kann. Und dagegen allerdings renne ich im Namen des Herrn mit aller Gewalt, aller Aggressivität.

Alles gemeinsam, weil der einzelne allein nichts ist, sondern nur im gemeinsamen Wirken: das gilt zweifellos auf unteren Ebenen, auf den Ebenen des Alltags, der Nützlichkeit und der Notwendigkeit, dort, wo die Folgen der Erbsünde walten. Da muß Teamarbeit gemacht werden – sicher. Da müssen mehrere mit Hand anlegen, damit der Schornstein raucht und die Maschinen sich drehen usw., usw., damit das Brot auf den Tisch kommt. Im Rahmen des Alltäglichen, der unteren Bedürfnisse, da gilt zweifellos das Kollektiv, das Aggregat, das Zusammenkommen.

Aber wo es sich um die Sinnfrage des Lebens handelt und das Gewicht der Persönlichkeit, um die Erlösung, um Christus, da ist es teuflisch, präzise [gesagt] teuflisch zu behaupten, daß man in der Zahl, im Aggregat überhaupt erst Gewicht gewinne und der einzelne verloren dastehe. Und wer's noch nicht gehört hat – ich habe das schon tausendmal gesagt –, dem sage ich's nocheinmal, was es für ein hochgradiger Unsinn ist zu behaupten, "der Mensch gewänne Demut angesichts des Weltenraumes und der vielen Sterne. Und was für ein Pünktchen und ein winziges, unvorstellbar winziges Kleinchen ist da unser Planet. Und da auf dem Planeten dieses winzige Menschlein. Was ist das? – Gar nichts. Da wird man demütig." – Nein[, im Gegenteil]. Da gewinnst du höchstes Selbstbewußtsein. Denn jeder Gedanke, den du denkst, ist unendlich mehr wert als das ganze Weltall. Das ist ein ganz primitives Denken in Quantitäten von Raum und Zeit. Raum und Zeit sind Varianten des Nichts. Und auch das wiederhole ich zum abertausendsten Male: Wenn du über Nacht ein millionstel Millimeter klein wirst und alles um dich herum im gleichen Maßstab genauso klein, wachst du morgens auf und merkst gar nichts. Und wenn du über Nacht tausend Kilometer groß wirst und alles im gleichen Maßstab genauso wächst und du wachst auf, dann merkst du gar nichts. – Das sind alles vollkommen nichtssagende Relativitäten, Raum und Zeit. Die sagen gar nichts. Der Geist ist dein, und du bist die Mitte, du bist die Schöpfung. In dir ist alles zusammen. Du wiegst. Und alles, was du ringsum siehst, ist der dir zugewandte und zugewiesene, gegenständliche Leib, der einmal durch die Kraft deines vergöttlichten Geistes verklärt werden wird einschließlich all der unsagbar vielen Sonnen und Planeten. Das ist das Gewicht des einzelnen Menschen.

Und wo bleibt da die Demut? – Ja die Demut ist nichts anderes als das Wissen: Ich bin aus mir nichts. Aber mit der wahren Demut fällt zusammen ein unabsehbares Selbstbewußtsein. Denn es ist ein erregendes Nichts. In dieses Nichts fällt Gott. Und dieses Nichts ist dazu da, Gott zu empfangen. Darum ein außerordentlich erregendes, kosmisches Nichts. Dies zu wissen ist die Demut. Und aus dieser Demut folgt folgerichtig der zuverlässige und zuversichtliche Stolz des einzelnen, der weiß: "Mein Hoffen gegen alle Hoffnung ist allein imstande, das zu gebären, was gehofft wird." Du bist also nicht dispensiert[, sondern] und aufgerufen zu deiner Hoffnung. Und wenn du hoffst und nicht nachläßt, dann wird das, was du erhoffst – gegen alle Erwartung der Heiden. AMEN.

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