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actio spes unica Pfarrer Milch St. Athanasius Bildungswerk Aktuell

Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch

Erster Passionssonntag 1987

Meine lieben Brüder und Schwestern,

 

was heißt das: "Ihr seid nicht aus Gott." Ist denn nicht jeder aus Gott? Ist nicht jeder von uns Gedanke Gottes, seinem Wesen nach? – Gewiß, aber die Gedanken, die Entschlüsse, die Daseinschwerpunkte der meisten Menschen kommen nicht aus diesem Wesensgrund, der in Gott mündet, sondern die allermeisten beziehen ihre Hoffnungen, Vorstellungen, Entschlüsse und Zielsetzungen aus der Oberfläche! Und darum sagt der Herr an anderer Stelle: "Euer Vater ist der Teufel", der euch wegführt von der Tiefe, der euch nach rechts und links schauen und vergleichen und euch in eurer Vorstellung gut abschneiden läßt im Vergleich mit anderen.

Wer so denkt, wer sich mit anderen vergleicht und in der waagerechten Ebene sein Dasein beheimatet, der lebt eben nicht aus Gott! Wer aber aus der Tiefe heraus lebt, der sehnt sich nach dem Einen und Unendlichen! Mag er öffentlicher Sünder sein, Dirne, Zöllner, was auch immer: wer die große Sehnsucht in sich wahrt und bejaht, wer das Verlangen des Geistes, das eingeborene Verlangen des Geistes will und wahrnimmt, der lebt aus Gott und der wittert in Christus den großen Erfüller, den großen Bejahenden, den JA-Sagenden, Entgegenkommenden – den Unendlichen!

Hier liegt der Unterschied! Und jeder prüfe sich, ob er "JA" sagt zu seiner Sehnsucht nach dem unendlichen Erbarmen.

In gewissen Zonen des antiprogressistischen Feldes herrschen Meinungsverschiedenheiten oder Diskussionen darüber, ob die meisten gerettet werden oder nicht, ob die Mehrheit oder die Minderheit in die Hölle kommt. Das ist eine sehr müßige Diskussion! Schon diese Frage nach Mehrheit oder Minderheit ist eine im Quantitativen hängenbleibende Fragestellung! Christus ruft heraus aus der Waagerechten, aus der Masse – Dich! Und jetzt drehst Du Dich um: "Und was ist mit diesem da?" – "Was geht das Dich an? DU folge Mir nach!"

Das ist das Gesetz des Evangeliums. Man messe die Frage nach der Verdammnis immer an dem, was Christus vor allem angegangen ist in seinen Reden. Gegen wen und gegen was hat er sich gewendet? – Gegen die Vorstellung, aufgrund eigener Leistung bestehen zu können! Wer sich schon beruhigt mit dem, was er vorweisen kann, der ist in höchster Gefahr, denn er baut nicht auf die große Sehnsucht nach dem unendlichen Erbarmen, sondern er baut auf das, was er an Werken vorzeigen kann! Er überlegt, was er tut: Was habe ich alles getan, was tue ich nicht, was sündige ich nicht und was tue ich Gutes. Und daraus leitet er ab, in quantitativer Messung, was er zu erwarten hat: der ist in größter Gefahr! Wer es begriffen hat, baut überhaupt nicht auf das, was er tut und fragt auch nicht danach, weil die Liebe nicht danach fragt – denn die Liebe misst nicht und zählt nicht auf! – sondern er baut einzig auf den Einen, der da gekommen ist und der in ihm waltet mit Seinem Unendlichen Erbarmen. Wer so aufatmend Ausschau hält nach dem Einen, der ist gerettet, mag vorher gewesen sein was immer!

Das ist eine ärgerniserregende Erkenntnis aus dem Evangelium! Die ist unbequem! Die meisten wollen wissen: Was soll ich denn tun? Sie verlangen's ja auch vom Prediger. Man will doch hören, was man zu tun hat. Man will doch etwas in die Woche mitnehmen, damit man weiß, was man zu tun hat – schon schlecht!

Hinschauen auf Ihn, den sie durchbohrt haben! Ich schaue auf den, den ich durchbohre und vertraue auf das, was aus dem hervorgeht, was ich durchbohrt habe, weil ich es durch meine Sünden durchbohrt habe. Denn durch meine Sünden bin ich geheilt! Blut und Wasser kommen aus der Seite hervor, die ich durchbohrt habe. Das ist meine Hoffnung! Und wer so hofft, ist gerettet! Er liebt. Er hat die Liebe entdeckt. Er läßt sich lieben und liebt zurück. Ihm geht es um das Erbarmen!

Und aus dieser Haltung ersprießen von selbst die guten Werke, vielmehr als sie eine berechnende Geschäftigkeit je hervorbringen könnte. Das ist das Gesetz des Evangeliums und das unterscheidet uns ganz erheblich von den anderen, z.B. eben vom Islam. Da heißt es: "Was tue ich, was muß ich tun, was hab ich getan." Nun hab ich ein gutes Gewissen!

Der Christ hat kein gutes Gewissen, sondern er ruht im Erbarmen! Das ist das Neue, das ist das eigentliche Gesetz des Christus! Damit müssen wir uns vertraut machen. Und das ärgert einige: geborene Streber und Musterschüler, die gerne hundertfünfzigprozentig sein wollen und sich von anderen abheben wollen. Und die haben ja Christus gekreuzigt. Die haben sich furchtbar aufgeregt darüber, daß das alles, ihre ganzen Anstrengungen, gar nichts wiegen sollte. Das fiel unter das Gesetz, unter das Gericht dessen, der nichts von Dir erwartet, sondern Dich, und der nichts verspricht außer Sich Selber: DU und ER – AUS! Und daraus, weil die beiden Pole sich treffen, entspringt der Funke, und daraus entsteht die Feuersbrunst, und aus der Feuersbrunst entstehen unabsehbare Werke von selbst. Der Liebende kennt kein "Genug" und kennt keine Selbstzufriedenheit!

Das ist die Erwägung am Anfang der Passionszeit, weil wir nicht auf seiten derer stehen wollen, die sich etwas zugute halten auf ihre Werke, sondern einzig auf das Verlangen ihres Geistes nach Unendlichkeit. Das ist es! Und dann kommt Er und gibt die Antwort: "Ich bin!" Und die Masse begehrt auf. Er sagt ja nichts anderes als: "Ehe Abraham ward – Jahwe." Wie fragt Moses die Stimme aus dem brennenden Dornbusch: "Wer bist Du, Herr?" – Antwort: "Jahwe." "Ich Bin": das ist mein Name, "Ich bin, der Ich BIN."

Und jetzt sagt der Mensch, der Menschensohn von Sich: "Ich BIN – Jahwe!" In den Augen der Masse eine ungeheure Gotteslästerung. Und das ist ja auch das ENTWEDER – ODER, das durch die Progressisten verwischt und verharmlost wird. Entweder ist das eine ungeheure Gotteslästerung, oder es ist die Wahrheit! Beides ist ungeheuer aufregend, was eben ein Saulus, Paulus erkannt hat. Aber es gibt keine dritte Möglichkeit! Man kann darüber nicht gähnend und gelangweilt zur Tagesordnung übergehen und kann nicht sagen: "Na ja. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden" oder, wie Tucholsky gesagt hat: "Toleranz heißt: Der Verdacht, der andere könnte auch Recht haben."

Das ist nicht unsere Toleranz, die nehmen wir nicht für uns in Anspruch "die anderen könnten nicht rechthaben". Die katholische Wahrheit ist die einzige Wahrheit, sonst gibt es keine! Und davon leben wir, daß sie die einzige ist! Die anderen könnten eben nicht rechthaben, sie können nicht rechthaben und sie haben nicht Recht und in alle Ewigkeit nicht! Und ich lebe davon, daß die anderen eben nicht rechthaben – sondern Du und Ich haben recht!

Das ist ein ungeheures Rechthaben, daß der Mensch Gott ist, daß Gott Mensch geworden ist und Gott am Galgen verblutete – Gott am Galgen! Und das ist nicht das "liebe Gottchen" – "Gucke mal da, das liebe Gottchen" – außerordentlich schädlich ist das auch, ein- bis zweijährigen Kindern so etwas zu sagen. Gott hat sich nicht zu verkleinern, kindertypischerweise! Es gibt keinen kindertypischen Gott, keinen jugendtümlichen und keinen erwachsenen- und alterstümlichen Gott. Es gibt Gott!

Im Grunde sind Du und ich nicht berechtigt, seinen Namen auch nur zwischen Lippe und Zähne zu nehmen. Die Israeliten wußten um die Vorsicht vor diesem Wort: GOTT – GOTT am Galgen, am Schandgalgen verblutend! Und dieser Schandgalgen, wo Er – verachtet, verspottet, von der Masse angegeifert, entehrt, außerhalb der Mauern ausgestoßen, wie ein Wurm mißhandelt – verblutet, wird zum Zeichen des Heils! Entweder ist das das Herrlichste, was es gibt, oder es ist eine ungeheure Gotteslästerung! In beiden Fällen ungeheuer aufregend. Entweder geht Saulus mit Recht daran und liefert die, die solche Gotteslästerung behaupten, daß Gott am Galgen hängt, dem Tode aus, oder er erkennt, daß es ja wirklich Gott ist und kommt darüber nicht mehr zu Ruhe. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht! Das muß gewußt werden angesichts der Passionszeit.

"Ehe Abraham ward, bin Ich." Und dieses "Ich bin, der Ich BIN" überträgt sich auf Dich. Und da bist Du drin, hineingenommen. Und jedes Ich ist ICH, weil es ein DU gibt. ICH und DU sind voneinander nicht lösbar. Es gibt kein ICH ohne DU und kein DU ohne ICH!

Und jetzt sind wir bei dem einen Gebet, dem kurzen und aufregenden Gebet: "Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit! Amen." All diese Gebete, die wir sagen, aufsagen, gemeinsam sagen, mehrmals aufsagen – vielleicht aufgrund einer aufgegebenen Buße -, dieses Aufsagen solcher Gebete – z. B. auch im Breviergebet des Priesters – stehen ja im Grunde symbolisch für das eigentliche Gebet, daß das Gebet der Liebeskammer ist, des Brautgemachs.

Und was ist das: "Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste"? – Verherrlicht werde in mir das DU-zu-DU und das DU-in-DU! Und da bin ich drinnen, und mein ganzes Dasein ist eine Verherrlichung, ein Aufgehen darinnen! Denn ich bin ja drin, und deshalb weiß ich´s, weil ich drin bin! Solange ich nämlich draußen bin, erfahre ich Gott nur als eine einzige Person. Wenn Gott außerhalb meiner ist, ist Er eine Person. Denn nach außen hin, aus dem Nichts ins Dasein rufend, wirken alle drei Personen als ein einziges Wirkprinzip. Die Schöpfung geht aus von Vater, Sohn und Heiligem Geist als ein Wirkprinzip. Und deshalb wird der Unterschied der Personen von außen nicht erkannt, sondern nur von innen durch die, die drinnen sind! Das ist ja unsere Erlösung, daß wir es wissen, weil wir drinnen sind, hineingenommen, organisch angeschlossen an den menschgewordenen Gottsohn zum Vater hin durch den Hl. Geist, Deine und meine Existenz, Dein und mein Leben! Das ist Brautgemach! Das ist Liebeskammer! Das ist Ekstase! Das ist der sengende, feurige Atem der Gottesliebe!

Und auf wieviel verteilt sich diese Gottesliebe, dieser feurige Atem, diese Feuersbrunst des DU-zu-DU? Auf wieviele Menschen verteilt sich das? Auf überhaupt keine verteilt es sich, sondern das Ganze gehört ausschließlich Dir – total, ungeteilt, unteilbar, nur Dir, ganz Dir! Du bist drin! Und von diesem Atem beseelt sagst Du: "Verherrlichung sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste." Und mein so gekennzeichnetes, so gewecktes Dasein reicht vom Ursprung bis auf die Gegenwart und in alle Zukunft und in das EWIGE JETZT, das JETZT der Ewigkeit. Ich bin hinaufgenommen, ich bin schon drüben. Mein Dasein ist in Christus verborgen im Schoße des Vaters. Ich bin schon jenseits des Jordan, ich bin schon in Bethanien drüben. Das heißt diese ungeheure Gebet "Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste" – durch das JA-Wort Mariens hineingesogen.

Darum ist es so ungeheuer sinnvoll, nach dem "Gegrüßet seist Du, Maria" dieses "Ehre sei dem Vater" zu beten. Denn die Hingabe Mariens, das Empfangen Mariens, das sie in sich hineinnimmt das WORT, den Ewigen Bräutigam, das breitet und weitet ihr Dasein aus zum Schoß und umfängt Dich und Deine Tiefe. Jetzt und in der Stunde meines Todes meiner Verlassenheiten und Verlorenheiten und Verkommenheiten, meiner Grenzsituationen: da wirst Du aufgefangen, und schon bist du drinnen. "Ehre sei dem Vater im Sohne durch den Heiligen Geist."

Und mein sind alle Zeiten, alle Jahrmillionen; mein sind alle Räume; mein ist die Welt und mein ist die Ewigkeit. Denn alles gehört Dir, weil Du dies sagst: "Wie es war im Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen." Du bist selber die Verherrlichung. Und wenn Gott Dir gehört und Du Ihm, wenn Du in dieses DU zu DU, Sohn zum Vater, Vater zum Sohn durch den Hl. Geist, Geist im Vater und Sohn, Vater und Sohn im Geist: wenn Du in dieses Ineinander hineingenommen bist, dann gehört Dir die Welt! Dann ist jeder Wolkenzug, jeder Stern, der leuchtet, die Sonne, die scheint, der Mond, der Himmel, der sich wölbt, das ganze Weltall, Wälder und Meere und Seen und Tiere und Pflanzen – alles ungeteilt! –: die ganze Welt gehört Dir! Du bist der Herr der Welt, in Ihm und durch Ihn und mit Ihm!

Das ist das Gebet "Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Wie es war im Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen" – Dich betreffend, ganz Dich! All diese Gebete sind da für Dich, daß daraus Dein großes, ungeheuer beglückendes Geheimnis erwächst. Und drinnen sind alle, die Du liebst und je liebtest, bewahrt, aufgehoben im doppelten Sinne des Wortes, geborgen und erhoben. AMEN.

Schlüsselbegriffe ?
 
Jahwe
   
Bestehenkönnen
   
Pharisäer
   
Begrenztheit
   
Du-zu-du
   
Erbarmen
   
Sehnsucht
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