Startseite Menü einblenden Übersicht: Sonntagsbriefe 23.01.83 06.02.83 Drucken
Schild der actio spes unica

Meine lieben Brüder und Schwestern!

 

Das Evangelium in Deiner Hand! Das ist die Losung für den, der in Wahrheit katholisch sein will.

"Nimm und lies!" hörte der heilige Augustinus eine feine Stimme ihm zuraunen. Er nahm und las, und die Augen wurden ihm geöffnet. Lasen oder gut zuhören, bewußt und redlich.

Und den inneren Widerspruch, der sich in Dir anmeldet, darfst Du keineswegs unterdrücken! (Man darf überhaupt nichts unterdrücken. Alles Unterdrückte kommt wieder und rächt sich. Überwinden heißt die Order aus den Bereichen der Ewigkeit!)

Beim heutigen Evangelium meldet sich im ehrlichen Menschen spontaner Protest. Den darfst Du unter keinen Umständen unterdrücken. Du mußt ihn mit Dir tragen und durchkauen – weder verdrängen noch ausspucken, sondern durchkauen!

"Wie? Ich arbeite unter der Last und Hitze des Tages; ich mühe mich ab, die Gebote zu halten und Entsagung zu leisten; ich setze mir hart zu. Tage und Nächte werden mir sauer. Alles aus Pflicht. Und da soll so ein Tagdieb, der sich's sein Lebtag leicht und bequem gemacht hat, den gleichen Lohn erhalten?! Er hat im irdischen Leben die Kurve gekriegt, um auf die ruhige Tour durchzukommen, hat's immer verstanden, mit allen möglichen Mitteln – auch krummen und schäbigen – auf sanfte Sohlen zu fallen und seine Tage zu genießen – und nun versteht er's auch noch am Ende, schnell durchzuschlupfen und sich mit billiger Reue auch noch die Ewigkeit zu ergaunern. Nein – da hakt's bei mir aus. Und ich bin schön dumm gewesen, daß ich in im Leben so hart gearbeitet habe. Ich hätte es, weiß Gott!, schöner haben können!"

Sei doch ehrlich! Mit Unterdrückungen wirst Du das Evangelium nie verstehen. Mit "Schön-tun" vor Gott gewinnst Du keine Weisheit und kein Himmelreich. Mit "Brav-und-gehorsam-sein" stößt Du niemals durch zur Erkenntnis des Christus! Merke Dir: niemals!

Schau auf die großen Beter im Alten Bund! Sie haben mit Gott gehadert. "Warum schaust Du zu, Herr! Wach auf! Schlafe nicht weiter! Erhebe Dich! Greif endlich durch!" Solche aus weher Brust herausgepreßten Notschreie findest Du immer wieder in den Psalmen. Und kein Befehl Gottes verlangt, diese Notschreie zu bereuen. Wer wirklich glaubt, der kann auch mit Gott hadern. Wir haben uns angewöhnt, so leisetreterisch, bucklig, mit oval-frommem Gesicht zu Gott zu beten – wie "ein braver Junge und ein braves, gutes Kind es tun soll". – Nein! mit offenem Visier, mit klarem Blick, frei heraus – s o will uns Gott, der Seinen Sohn dahingibt, um uns erst recht zu Freien zu machen und nicht zu verbogenen Sklavenseelen! – Viele verbergen ihr Gesicht und ihre persönliche Wahrheit allzu schamhaft, mit falscher Scham, hinter vorgeformte Gebete und rücken nicht mit eigenen Worten heraus, mit ihren wirklichen Gedanken und Nöten. Sag Ihm doch Deinen Haß und Deine Mißgunst! Er nimmt Dich, wie Du bist! Mach keine Verrenkungen wie ein Höfling! Höflinge will Gott nicht! Sag Ihm, was Du nicht verstehst und daß Du es nicht verstehst! Heische Antwort: "Herr! Aus dem Nichts hast Du mich erschaffen! Nun bin ich hier, und ich kann dafür nichts. Ich vertraue mich Dir an – bloß und arm! Ich habe keine Rechte, ich weiß! Aber Du seist der Gott der Liebe, wird gesagt! Zeige mir nun im Geiste Dein Angesicht! Ich bin ein Sünder und wertlos vor Deinem Angesichte! Aber einen Wertlosen willst Du nicht. So gib mir Antwort, Gott der Liebe! Sag mir, warum! Ich wollte, ich könnte Dich lieben! Mach Du mir's möglich! Wo bist Du, Herr!" —

Im nächsten Sonntagsbrief versuchen wir die Antwort auf den Protest gegen dies Evangelium von Septuagesima. Aber ist das Gebet – drei Zeilen drüber – nicht schon in sich ein starker Antwort-Satz? –

 

Herzlichst – Dein priesterlicher Freund Hans Milch.