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Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch

6. nachgeholter Sonntag nach Erscheinung 1983

Meine lieben Brüder und Schwestern,

 

heute und möglicherweise das nächste Mal noch einmal über das Gebet. Auch das ist etwas, was ein durchgängiges Thema für ein Jahr sein kann: das Gebet, beten. Und da kommt uns zunächst die Heilige Schrift in den Sinn.

Was ist die Heilige Schrift, meine Freunde? Ein Lehrbuch, wo man nachblättern kann, um irgendetwas bestätigt zu finden, wie ein wissenschaftliches Buch mit präzisen Formulierungen, Ableitungen, Beweisen, logischen Vollzügen? – Keineswegs! Nichts törichter, als bei irgendwelchen Gesprächen und Überlegungen, die Offenbarung des Gottmenschen betreffend, zu fragen "Wo steht denn das geschrieben?". Das ist eine außerordentlich törichte Frage, die davon ausgeht, die Heilige Schrift wäre eine Sammlung von Lehrsätzen oder die Sammlung aller Lehrsätze, in denen die göttliche Offenbarung festgelegt ist. Dieser Lehrsätze bedarf es. Wir brauchen sie. Und der Herr in Seiner unendlichen Erbarmung hat uns diese Lehrsätze auch gegeben. Sie gehören auch zur Fleischwerdung des Wortes. Gott ist greifbar, hörbar geworden, tastbar, sichtbar in den heiligen Sakramenten, in denen sich das Geheimnis Seiner Erlösung ereignet, in Seinen Worten der Verkündigung, die wir vernehmen, in den geweihten Priestern und Bischöfen, die das Vermächtnis weitergeben und die Gleichzeitigkeit und Gegenwart des Herrn mit Seiner Tat verbürgen, die Christus selbst vergegenwärtigen – aber auch in den präzisen, kristallklaren Formulierungen, die unfehlbar für alle Zeiten und alle Räume, über alle Zeiten und Räume hinweg ausgesprochen werden vom Inhaber des Petrusamtes und von der Gesamtheit der Bischöfe, wenn sie ihr außerordentliches Lehramt in einem Konzil ausüben, Dogmen verkünden.

Die Dogmen sind ja unser Glück. In den Dogmen wird die Wahrheit in ihrer Unverwechselbarkeit deutlich, unverwechselbar, klar, einmalig. Diese Wahrheit, wie sie in den Dogmen uns aufleuchtet, kennzeichnet das Wesen des Geheimnisses. Worin das Geheimnis besteht, das wird für alle Zeiten ein für allemal festgelegt. Es kann im weiteren Verlauf nur noch bestätigt und gefestigt werden. Wenn ich sage "im weiteren Verlauf", dann meine ich, in der Erfüllung dessen, was der Herr für Seine Kirche vorausgesagt hat: "Der Hl. Geist wird euch in alle Wahrheit einführen." Und wenn Er "euch" sagt, dann meint Er die Inhaber des Priesteramtes, des Lehramtes und des Hirtenamtes. Papst, Bischöfe, Priester und die Herausgerufenen, vom Prophetengeist Erfüllten: in denen wird Er Seine Verheißung wahrmachen, so daß wir das, was in der Offenbarung enthalten ist, immer klarer und deutlicher verstehen, immer mehr wissen, was alles darin verborgen ist. Es wird uns deutlich, was wir immer schon wußten. Längst Vertrautes und tief im Unbewußten Bekanntes wird auf einmal hellwach, bewußt und klar. Das ist der Fortgang der Dogmen. Und jedes neue Dogma bestätigt jedes vorangegangene im je gehabten Sinne. Niemals ändert sich der Sinn, niemals ändert sich die Formulierung. In der Gestalt menschlicher Ausdrucksweise wird Zeit und Raum überschritten. Mitten in Zeit und Raum, im Gewande von Zeit und Raum stellt sich das dar, was über Zeit und Raum hinausweist.

Also: Wir brauchen die Sammlung der Lehrsätze. Aber die Hl. Schrift ist keine Sammlung von Lehrsätzen, ist kein Nachschlagewerk für die Theologie, sondern die Hl. Schrift ist eine Liebesansprache Gottes an den Menschen! In der Hl. Schrift redet Er zu Dir. Zweifellos ist darin die ganze Offenbarungswahrheit enthalten. Aber um die Wahrheit, die darinnen enthalten und wartend verborgen ist, zu erschließen, dazu bedarf es der Schlüssel; und die Schlüssel sind die Dogmen. Zunächst einmal aber will der Herr selbst diesen Liebesbrief an Dich gerichtet wissen. Und wenn Er Dir einen Brief schreibt, dann sollst Du diesen Brief öffnen und darin lesen und Dich persönlich angesprochen wissen. Das ist vor allem die Hl. Schrift: eine Mysteriensprache, eine Sprache vom Geheimnis der Liebe, vom großen, gottmenschlichen, innertrinitalischen Geheimnis, Erosgeheimnis erfüllt – vor allem die Evangelien, aber durchgängig die ganze Heilige Schrift, des Neuen Bundes vor allem. Lies darinnen, und laß das, was Du liest, auf Dich wirken im Zeichen dessen, was Du gelernt hast, im Zeichen der Dogmen! Und wenn Du die Heilige Messe mitvollziehst, dann betest Du immer eine Reihe von Dogmen, beispielsweise im Glaubensbekenntnis, das ja nichts anderes ist als die Aufzählung der unfehlbaren Lehrsätze, die in den Konzilien von Nicäa und Konstantinopel festgelegt worden sind. Jeder Priester betet sonntäglich, mindestens sonntäglich, in der Prim das Glaubensbekenntnis des hl. Athanasius. Und darin sind sämtliche Wahrheiten über die heiligste Dreifaltigkeit und über den Gottmenschen enthalten. Dieses Wissen wird nun inniger und tiefer, wenn Du die Schrift liest. Du liest die Hl. Schrift falsch ohne den Schlüssel der Dogmen. Aber die Dogmen selbst dringen nicht in Dich ein. Sie sind ein offenes Tor. Und Du gehst selbst nicht durch dieses Tor, Du gelangst nicht hinter das Gesicht, was hinter dem Gesicht der Wahrheit an Geheimnissen verborgen ist, wenn Du nicht die Worte in Dich einsickern läßt, die in der Hl. Schrift stehen.

Gehört das zum Gebet? – Das ist der Anfang des Gebetes: hören und lesen, empfangen – wie in der Liebe. Der Liebende empfängt. Liebe, das heißt, wie der hl. Johannes sagt: "Gott hat Dich zuerst geliebt." Nicht Du Ihn, sondern Er liebt Dich. Also laß Dich von Ihm lieben. Laß Dich von Ihm kosen. Laß Seine Liebesworte in Deine Seele eindringen. Laß Ihn zu Wort kommen! Viele überhäufen Gott mit ihrem ununterbrochenen Gerede. Sie bilden ununterbrochen Sätze. Sie lesen seitenlang Gott etwas vor – offenbar um Ihm keine Neuigkeiten vorzuenthalten, als wisse Er nicht längst, was alles da steht. Sie lesen, sie reden, sie bilden Sätze, sie überhäufen Ihn mit Sätzen. Ununterbrochen reden sie auf Ihn ein, und Gott selbst kommt nicht zu Wort. Er kommt gar nicht vor ihr geistiges Angesicht. Der lange, ruhige Atem, der fehlt. Deshalb kannst Du überhaupt nur zum Beter werden im Schweigen, in der Stille. Laß Ihn kommen. Laß Dich von Ihm anschauen und wissen: "Er ist jetzt unvorstellbar nahe bei mir, in mir, und er schaut mich aus meinem eigenen Inneren, aus meinem Eigensten und Innersten an. Ich lasse mich von Ihm anschauen und präge mir Seine Worte ein, die Er mir sagt." Denn alle Worte, die Er in der Hl. Schrift zu irgendeinem Menschen sagt, sagt Er Dir. Versenke Dich in die Szene Seiner Gespräche. Er meint Dich damit!

Sie merken schon, meine lieben Freunde, daß das etwas anderes ist als sein Gebet zu verrichten, aufzusagen. Er soll doch sagen. Er soll reden. Dazu brauchst du selbstverständlich Deinen Raum, Dein Recht. Wahre doch dieses Recht! Sei erpicht auf Dein Recht! Ich kenne Ordensgemeinschaften bzw. religiöse Genossenschaften, wo mir übel wird, wenn ich deren Tageslauf verfolge, die Tagesordnung lese. Das sind Totschläger des Geistes durch ihr kollektives Gebaren! Entschuldigen Sie, wenn ich das jetzt mal so sage, aber es ist die Wahrheit: Die kommen nur zu sich, der Einzelne oder die Einzelne, auf der Toilette – sonst nie! Sonst sind sie nie bei sich, diese armen Wesen! Alles kollektiv, alles gemeinsam, alles laut: Arbeit und lautes Gebet, Arbeit und lautes Gebet von morgens bis abends. Das sind Ordnungen und Regeln, von solchen niedergeschrieben, die keine Ahnung von den Prinzipien der großen Ordensstifter haben, z.B. eines hl. Benedikt oder eines hl. Ignatius. Gerade in diesen Ordensregeln, wenn sie befolgt werden, kommt der Einzelne ganz groß zum Zuge. Der soll sein Schweigen halten und seine Stille. Bis bei diesen falschen und schlechten Ordensregeln das Schweigen einsetzt, dann haben die schon alles kollektiv heruntergerasselt, heruntergebetet und können nur noch todmüde ins Bett fallen, um ihre knappen fünf bis sechs Stunden Schlaf einzuheimsen. Und dann geht´s wieder los – nie allein, nie für sich.

Das ist nicht gottgewollt! Das ist gegen den Geist des Evangeliums, das ist gegen den Geist der Väter, gegen den Geist aller Ordensstifter, gegen den Geist der Tradition, gegen den Geist der katholischen Kirche, und es gibt dafür keinen Ansatz zur Entschuldigung!

Und denke daran, daß Du auch dieses Recht hast, das Recht auf Dein Schweigen, auf Deinen freien Raum. Du hast ja Deine Möglichkeiten. Du bist ja in kein so geartetes Kollektiv eingespannt. Überlege Dir deshalb, wie Du Deinen Tag zubringst. Einige sind geradezu erpicht auf Kollektivität, beklagen ständig ihr Alleinsein – "die Decke fällt mir auf den Kopf" – und suchen, suchen und suchen, Gerede und Gerede und Gerede und Herzausschüttungen und Austausch usw. Na gut, zwischendurch, warum nicht. Aber gemeinsamer Plausch, gemeinsames Reden, Gemütlichkeit und Behaglichkeit sind Mistbeeter aus denen die Sünden hervorsprießen wie Unkraut bei Regen! Deshalb ist das immer etwas außerordentlich Gefährliches. Wenn Du ein Beter sein willst, dann sei ganz erpicht auf Dein Recht, Deinen Raum, Deine vier Wände, Deine Stille, wo Du zum Zuge kommst! Und Du kommst nur zum Zuge in dem Maß, wie Er für Dich zum Zuge kommt.

Beten ist also Sich-lieben-Lassen. Er sagt das erste Wort, Er tut den ersten Schritt, Er vollzieht Seine Tat. Ich agiere nicht – ich reagiere; ich rede nicht – ich antworte. Ich lasse mich lieben und liebe zurück eben durch die Liebe und in der Liebe, mit der Er mich liebt. Und diese Liebe dringt dann ein in meinen ganzen Tag. Und deshalb ist das morgentliche Eröffnen, welches den Tag zum Gebet macht, von entscheidender Wichtigkeit. Nicht jeder ist aufgelegt morgens lange zu beten. Aber das Eine muß morgens geschehen, damit der Tag nicht verloren ist, wenigstens morgens diesen Entschluß fassen: Alles Dein! Du gehörst Ihm, vom Zustand der Todsünde abgesehen, Du gehört Ihm ohnehin in Deinem Sein kraft der Sakramente, die Du empfangen hast. Du bist in Ihn hineingenommen. Du bist in Ihm und Er in Dir. Aber nun soll auch alles, was der Tag bringt, der Umfang Deines Daseins, Ihm gehören. Alle Deine Worte, alle Deine Gedanken, was Du anfaßt, was Du tust, Deine Arbeiten, Dein Ärger, Deine Mühen, Deine Beziehung zu den Mitmenschen, Deine Entscheidungen: alles, Dein ganzes Dasein, der ganze Tag soll von Christus übernommen werden und in Ihm geschehen! Das sind dann die Werke, die in Ihm getan sind, die deshalb wiegen im Jüngsten Gericht, weil Christus sie in Dir und durch Dich tut. Was nicht in Ihm getan ist, gilt nicht! Das sei vor allem denen gesagt, die sich darüber etwas aufgeregt haben, als ich sagte: "Du kannst noch so sehr nach Musterschülerart Werke häufen, dies tun, jenes tun und einen Turm von Leistungen am Tag aufrichten: das wird weggeworfen, umgeschmissen, weggeblasen am Jüngsten Tag", weil Du an Deinem letzten Platz, Deinem Nichts dastehst, bloß, und nur der einen Frage ausgesetzt bist: "Bist Du auf Mich eingegangen? Hast Du Dein JA-Wort gesagt? Hast Du Dich von Mir lieben lassen? Hast Du auf den Ruf gehört und gewartet, 'Rücke höher hinauf!'?"

Was freilich dann, hinter diesem Vorzeichen, alles an Werken geschieht, das wiegt, das gilt als Verdienst. Aber wenn Du je die Liebe begriffen hast, wirst Du das vor Dir nie aufzählen und wirst Du Dich damit nie zufrieden geben. Es wird Dir immer zuwenig sein, nicht in einer quälenden Unzufriedenheit, aber in einer vorwärtsdrängenden, freudigen Unzufriedenheit. "Herr, ich bin unzulänglich. Angesichts Deiner atemberaubenden Liebe weiß ich, daß ich Dir Scherben anbiete, Bruchstücke, viel zuwenig. Ich kann niemals damit, und könnte niemals vor Deinem Angesichte bestehen. Aber ich liefere es Deinem Erbarmen aus. Dring mit Deinem Erbarmen ein. Schreib auf meinen krummen Linien gerade. Ich liefere Dir meine krummen Linien; Du schreibe gerade darauf. Laß gültig werden noch das Erbärmlichste und Armseligste, das Torsohafteste. Laß es gültig werden im Atem Deiner Gnade, im Feuerhauch Deines Geistes. Belebe und verwandle auch das Geringste, was ich denke, sage und tue, damit es durch Dich und in Dir geschehe."

Das heißt im katholischen Sinne "Verdienst". Daraus werden die Verdienste. Und da kann ich freilich getrost sein und mir sagen: "Aus mir hätte ich es nie geschafft. Aber da ich nun zurückblicke, staune ich vor dem, was ich zuwege gebracht habe. Nur der Herr konnte es durch mich vollbringen. Nur der Herr konnte mich als Werkzeug benutzen, damit daraus etwas wurde. Also baue ich und vertraue ich angesichts dessen, was ich tun konnte in Ihm und durch Ihn, auf mein ewiges Heil." Das ist das Vertrauen, das auch das Angesicht der eigenen Werke einflößt, wie der hl. Paulus sagt: "Ich habe mehr gearbeitet als die anderen, aber nicht aus eigener Kraft, nicht durch mich, sondern durch Ihn. Denn nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Sein höheres ICH ist mein ICH geworden." Und unter diesem Vorzeichen schaue ich voller Freude auf das unverdiente Erbarmen, das mich zum Instrument solcher Werke machte.

So ist das katholischerseits mit den Verdiensten zu verstehen. Das hat Luther unterschlagen. Luther ließ es nicht gelten, daß der Mensch, in Christus hineingenommen, in der Lage ist, nun Ihn, das Haupt, zum eigentlichen Träger aller seiner Leiden und Arbeiten zu machen und dadurch Christuswerke zustande zu bringen. Von mir aus sind es nur lauter Nullen, aber Er ist die Eins davor. Und siehe da, die Nullen gewinnen an Gewicht und unabsehbaren Wert, weil Er, die Eins, davorsteht. Das sind die Verdienste, die wiegen und die mir Vertrauen geben, einmal aufgenommen zu werden in die ewigen Wohnungen. Aber daß dies an jedem Tag sich ereignet, tut es not, daß ich mich jeden Morgen Ihm mit alledem bewußt hingebe, und zwar nicht mit so allgemeinen Worten wie "Alles meinem Gott zu Ehren", "Näher mein Gott zu dir", "Mein Jesus, Barmherzigkeit", sondern wesentlich präziser. "Alles meinem Gott zu Ehren", das ist immer noch möglich in der mohammedanischen Feststellung: Außerhalb meiner ist Gott, und ich bin unterhalb Seiner. Ich bin ein Geschöpf, und über mir ist Gott. Und was ich tue, schicke ich postwendend zu Ihm empor, damit Er dankbar in Empfang nimmt die Post, die ich Ihm zuschicke. – Diese Vorstellung ist pharisäisch, antichristlich, indiskutabel. Und darum genügt "Alles meinem Gott zu Ehren" nicht, ist zu unpräzise, sondern: "Ich bin Dein, Du bist mein. Alles gebe ich Dir: den ganzen Tag mit all Seinen gepreßten Unzulänglichkeiten, auch die Sünden, daß sie mir zum Besten gereichen. Alles soll Dein Erbarmen vereinnahmen. Alles soll in Dir und durch Dich geschehen. Übernimm Du mein Leben, lebe mein Leben, sei Du mein Leben!" – Das ist der Anfang, das ist die Eröffnung des Tages. Und dadurch wird der ganze Tag zu einem Gebet, d.h. zu einem Christustun zum Vater hin.

Und sehen Sie, hier ereignen sich zwei Stufen. Das erste ist die marianische Stufe: Ich begegne Christus, dem Bräutigam. Auch das kann ich nur in Seiner Gnade, wie Maria durch Seine Gnade, durch die Fülle der Gnaden, die sie empfing, wie Maria sich Ihm ganz hingab im DU zu DU. Er ist der Bräutigam, sie die Braut: "Mir geschehe nach Deinem Wort. Hier bin ich." Und dann geschieht es – es ist nicht ein Nacheinander, sondern es ist ein Ineinander; es ist eine logische Folge, keine zeitliche Abfolge – eben dadurch, gleichzeitig geschieht es, daß aus Zweien ein Fleisch wird: Er das Haupt und Maria Sein Leib, Seine Erfüllung. In diesem Leibe findet Er sich bestätigt. In diesem Leibe, der Maria ist, die Kirche ist, findet Er Seinen "spiegelnden Bronnen". Und da aus Zweien ein Fleisch geworden ist, ein Christus, geschieht nun die nächste Stufe, die Hingabe zum Vater durch den Hl. Geist und die Möglichkeit, durch das eigene In-Christus-Sein Kraftströme auszusenden in die Welt.

Also: Zuerst einmal begegne ich dem Herrn. Das kann ich nur in dem Maße, wie ich einsteige in das JA-Wort Mariens, wie Maria mir fürbittweise im Hl. Geiste ihr JA-Wort zurechnet, zufügt. Ob nun der hl. Paulus sagt: "Wir wissen nicht recht zu beten; der Hl. Geist betet in uns mit unaussprechlichen Seufzern" oder ob ich sage: "Ich vollziehe das, was Maria tut, in mir", das ist ein und dasselbe. Denn was Maria tut ist des Hl. Geistes. "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis", sagt sie. Und die Unbefleckte Empfängnis ist der Hl. Geist in der Gottheit. Durch den Hl. Geist begegne ich Christus, werde mit Ihm eins, und im Eins-Sein mit Ihm wende ich mich dem Vater zu und sende geheimnisvolle Kraftströme aus in die Welt. Das zu wissen und das zu wollen, unbedingt zu wollen, das ist das Gebet. Der Kern des Gebetes ist der Entschluß: "Du bist die Liebe. Ich will Dich. Ich sage JA zu Dir. Ich bin Dein, Du bist mein. Hier verweile ich. Hier atme ich. Das laß ich auf mich wirken. Davon laß ich mich anfüllen."

Und daraus entsteht Dank. Dank ist ja nichts anderes als Reaktion, Antwort. "Ich bin da - 'adsum'", sagt der Priesterkandidat, der Diakon, wenn er aufgerufen wird vor seiner Weihe, "'adsum' - ich bin da". Und da nehme ich die liebsten Menschen hinein. Den liebsten mir nahestehenden Menschen, denen muß ich Bedeutung verleihen. Sie sind der Schlüssel, durch welche ich Christus lieben kann. Im geliebten Menschen strahlt mir Sein Antlitz entgegen, und im geliebten Menschen vermag ich dann auch die anderen Menschen zu lieben. Es hat durchaus höchste religiöse Bedeutung, daß es Menschen gibt, die Du liebst, ob Du sie jetzt siehst oder je gesehen hast, ob Du sie jetzt hörst oder je gehört hast. Der liebste Mensch sei für Dich die Gegenwart des Herrn und die Möglichkeit, wohlwollend, durch die Brille gleichsam dieses geliebten Menschen, die anderen Menschen zu erschauen und durch den Schutt all ihrer Widrigkeiten, Widerwärtigkeiten, durch das Unangenehme, das ihnen anhaftet, hindurchzulieben und sie mit hineinzunehmen in Deine Hingabe zu Christus und in Christus zu sagen: "Ich bin Dein, Du bist mein. In den Kreislauf der ewigen Liebe bette mich ein." Und in diesen Gedanken und in dieses Wollen hinein ist alles gefaßt, was ich tagsüber tue.

Der Geschäftsmann, meine lieben Freunde, der von morgens bis abend schuftet, im Streß steht, weil er erpicht ist auf immer mehr materiellen Verdienst, der denkt ja auch nicht ununterbrochen hellwach an den Verdienst, sondern er denkt an das, was hier und jetzt gerade notwendig ist und gemacht werden muß. Er tut es aber um des Verdienstes willen, wenn auch der Verdienst, das Ergebnis, die Bilanz nicht ständig wach in seinem Bewußtsein ist. Aber er wird regiert vom Gott "Geld". Und so wird auch der Mensch, der in Christus lebt, nicht immer wach im Bewußtsein den Namen, den ewigen, den beglückenden, den Namen des Geliebten denken und sagen – aber er weiß es, er will es! Sein Wille hat ein Thema, ein Diktat. Und dieses Diktat und dieses Thema beherrscht seinen Tag. Und das meint der Herr, wenn Er sagt "Ihr sollt ununterbrochen beten". Das heißt nicht, daß wir uns durch das Gebet, durch irgendeinen Gebetsvollzug ablenken lassen von dem, was hier und jetzt die Stunde und der Augenblick gebietet. Nein, wir sollen uns allem jeweiligen ganz zuwenden, hellwach, griffbereit, rasch, energisch, zupackend. Aber der dominierende Wille ist der Christuswille, und wir wollen, daß alles in Ihm geschehe. Und was unsere Sünden anbetrifft, die wir an uns feststellen, so erfüllen sie uns mit großer Zuversicht, denn sie sind der Magnet, der das Erbarmen des Herrn anzieht.

Soweit über den Sinn des Gebetes. Nicht irgendetwas hersagen, sondern wissen, was ist mein Sein in Ihm, durch Ihn und mit Ihm. Dies wollen, wissen und wollen, das ist der Kern des Gebetes. Gefühl spielt überhaupt keine Rolle, gar keine. Wille ist alles! Und das nächste Mal werden wir dann noch auf Einzelheiten eingehen: Welchen Stellenwert hat das formulierte Gebet? Soll ich beten, wenn ich das Bedürfnis danach habe? Soll ich das Bedürfnis zum Gebet in mir nähren? – Gewiß – Wie mache ich das? Wie und was tue ich, wenn ich zum Gebet gar nicht aufgelegt bin? Die Gewalt, die man sich antun muß von Fall zu Fall, um zu beten. Darüber das nächstemal. Die heutigen Ausführungen galten vor allem dem bewußten Thema der Hingabe, unter dem Tag und Leben stehen, denn unser Leben ist immer der jeweilige Tag. AMEN.

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